Warum Datenschutz?

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Warum Datenschutz?

Google, Facebook und andere Unternehmen sammeln seit Jahren Daten über unsere Suchanfragen, unsere Freunde, unsere Interessen und auch die Inhalte, über die wir im Netz kommunizieren. Datensammeln ist ihr Geschäftsmodell. Die amerikanische National Security Agency (NSA) und der britische Geheimdienst GCHQ tun dasselbe, nur noch umfassender (und) im Geheimen. Über die Ausspähprogramme PRISM, Tempora und andere haben die Geheimdienste nicht nur Politiker wie Angela Merkel, deren Handy abgehört wurde, überwacht, sondern sie werten auch systematisch Telefon- bzw. Internetverbindungen von Bürgern auf der ganzen Welt aus. Auch der Zugriff auf E-Mail-Adressen und -Inhalte sei möglich, so Edward Snowden, ehemaliger NSA-Mitarbeiter, in seinen Enthüllungen. [1] Ihre Datensammlung soll der internationalen Terrorbekämpfung dienen, ermöglicht aber auch Industriespionage und umfas-sende Überwachung.

 

„Ich habe ja nichts zu verbergen!“ [2] ist eine häufige Antwort auf beides: Wer so antwortet, glaubt keine Konsequenzen aus der Überwachung oder Sammlung von Daten durch Staat oder Privatwirtschaft befürchten zu müssen. Derjenige glaubt das, weil er ja weder kriminell noch Hüter eines wichtigen Geheimnisses ist. Außerdem scheinen die Überwacher zumindest in den USA ja weit weg zu sein. Datenschutz bedeutet aber nicht (nur) bestimmte Informationen vor der Öffentlichkeit geheim zu halten, sondern auch sich selbst vor (Internet-)Kriminalität zu schützen, (unnötiger) Überwachung durch (deutsche) Behörden entgegen zu wirken und selbst über das Bild zu entscheiden, das andere von einem haben. 

Schutz vor Kriminalität

Daten wie Passwörter, die Kreditkartennummer, Zugänge zu Online-Banking oder der im Pass gespeicherte Fingerabdruck können zu kriminellen Zwecken missbraucht werden. Der weltweite Schaden durch Internetkriminalität beläuft sich auf mehrere Hundertmilliarden Euro. Industriespionage oder der Diebstahl geistigen Eigentums über das Internet ist für die meisten Bürger keine Gefahr, wohl aber für Unternehmen. Beim einzelnen Internetnutzer lässt sich aber mit den z. B. über Phishing oder einen Trojaner erbeuteten Daten direkt Geld stehlen, oder seine Identität wird dazu verwendet, um anderen oder ihm selbst zu schaden. Solch ein Identitätsmissbrauch fängt bei Facebook-Hacks unter Jugendlichen an, die im Namen des Betroffenen peinliche Nachrichten verschicken, geht über gekaperte Webcams [3] und endet bei Straftaten, die unter fremdem Namen begangen werden. In Deutschland sollen zu kriminellen Zwecken innerhalb eines Vierteljahres eine Viertelmillion Online-Identitäten gestohlen worden sein. [4] Ein weiteres vieldiskutiertes Beispiel ist die so genannte Störerhaftung: Wer sein W-LAN nicht ausreichend durch Verschlüsselung sichert, ist dafür verantwortlich, wenn Fremde darüber z. B. Raubkopien von Filmen herunter laden. Hinzu kommen Gefahren, die der Nutzer nicht einmal selbst zu verschulden hat. So können durch Datenpannen, wie sie z. B. schon bei Sony, Mastercard oder Adobe aufgetreten sind, Kundendaten in falsche Hände geraten. Der Ärger, wenn entsprechende Passwörter zu ändern sind, ist hier noch der kleinste Schaden für den Einzelnen.

Schutz vor (unnötiger) Überwachung

Besonders gegenüber dem Staat bedeutet Datenschutz einen Schutz vor unnötiger Überwachung. Gesetze sollen das Maß der Überwachung von Bürgern durch den Staat auf ein notwendiges Minimum begrenzen und klare Regeln besonders für den Einsatz drastischer Methoden schaffen, wie zum Beispiel der Quellen-Telekommunikations-Überwachung (TKÜ) – auch als sog. Bundestrojaner bekannt. An vielen Stellen hat der Bürger allerdings keine Möglichkeit, sich nicht überwachbar zu machen: So z. B. bei der Überwachung öffentlicher Plätze durch CCTV (closed-circuit-television) oder bei der Notwendigkeit für Personalausweis, Reisepass oder Führerschein biometrische Fotos abzugeben. Mit den Daten ist es möglich, Menschen z. B. auf Bildern von Überwachungskameras zu identifizieren. Dass auch in Deutschland staatliche Observierung funktionieren kann, zeigt das Beispiel des unschuldig Terrorverdächtigen Andrej Holm. [5]

 

Eine große Rolle für die staatliche Überwachung spielen Verbindungsdaten von Mobilfunk- und Internetkommunikation. Über sie können Bewegungs- und Kommunikationsprofile einzelner Personen erstellt werden. Wie genau dies möglich ist, demonstrierte z. B. der Bundestagabgeordnete Malte Spitz indem er die Daten, die die Telekom über den Aufenthaltsort seines Handys gespeichert hat, in einer Karte visualisierte. Zusätzlich sind Dauer und Anzahl von Gesprächen und Textnachrichten sichtbar. [6] Hierbei handelte es sich um einen Teil der Daten, die im Zuge der Vorratsdatenspeicherung in Deutschland standardmäßig zu Zwecken der Strafverfolgung gespeichert werden sollen.

 

Mehr dazu unter: Rechtliche Grundlagen des Datenschutzes

 

Überwachbar machen wir uns aber auch gegenüber der Privatwirtschaft: Cookies und andere For-men des User-Trackings (= das Nachvollziehen des Nutzerverhaltens im Internet) erkennen Besucher auf Seiten wieder und / oder verfolgen ihn durchs Netz. Konsumgewohnheiten werden über Bonuskarten oder Konten bei Internethändlern aufgezeichnet und zu Nutzer-Profilen zusammengefasst, E-Mail-Anbieter und Online-Communitys wissen über die Kontakte zwischen uns und unseren Freunden und auch mit wem wir wie viel kommunizieren. Selbst die Inhalte unserer Kommunikation werden ausgewertet, z. B. um personalisierte Werbung zu schalten oder (vermeintliche) Gefahren für Kinder und Jugendliche abzuwehren. Anders als gegenüber dem Staat sind die negativen Konsequenzen für den Einzelnen, bei dieser Form der Überwachung nicht so deutlich. Im Gegenteil: Unternehmen versprechen vielfach Vorteile, wenn man viele Daten von sich preisgibt. Angefangen von besseren Such- oder Kaufvorschlägen im Internet bis hin zu finanziellen Ersparnissen. So senkt z. B. eine deutsche Autoversicherung ihre Tarife, für Fahrer die entsprechend vorsichtig fahren. Dafür müssen sie bereit sein, ihr Fahrverhalten elektronisch aufzeichnen zu lassen. [7]

 

Wie beim Problem der Datenpannen, können diese Daten aber spätestens dann zum Problem werden, wenn sie – durch das Unternehmen selbst oder durch Dritte – zu anderen Zwecken verwendet werden, als dem Nutzer lieb ist. Einerseits betrifft dies wieder die Überwachung durch den Staat, da Unternehmen Behörden im Verdachtsfall Auskünfte über einzelne Nutzer erteilen müssen. Dadurch werden hier auch wieder Möglichkeiten zur staatlichen Überwachung geschaffen. Darüber hinaus bringt der Verkauf von Nutzerdaten an andere Firmen den verkaufenden Unternehmen Geld.

 

Mehr dazu unter: Was sind und was können Daten?

Schutz vor Bewertung der eigenen Person

Je mehr Daten ein Unternehmen über eine Person hat, desto genauer kennt es sie – eventuell sogar beim Namen und das nicht nur aufgrund von Informationen, die derjenige selbst bereitgestellt hat, sondern vor allem auch durch die Verknüpfung mit anderen Informationen. So können Schlüsse gezogen werden, die für die betreffende Person von Nachteil sein können, da sie eindeutig identifizierbar und unter Umständen diskriminierbar wird. Im Finanzbereich ist das Sammeln von Daten zur Bewertung der Kreditwürdigkeit einer Person, das Scoring, seit langem üblich. Wer einen negativen SCHUFA-Eintrag hat, muss befürchten, höhere Zinsen bezahlen zu müssen oder keinen Handyvertrag zu bekommen. Vor allem die Verknüpfung verschiedener Datenquellen kann für den Einzelnen Konsequenzen haben. So wird Stromunternehmen beispielsweise geraten, die Daten zu verkaufen, aus denen sich ablesen lässt, wie viele Menschen in einem Haushalt wohnen oder wann sie zu Hause sind. Mit der Zukunft des Internet der Dinge vor Augen, in der Kühlschränke ihren Inhalt kennen oder (wie bereits Realität) Gesundheits-Apps unsere Blutwerte überwachen sind viele weitere Datendeals z. B. mit Krankenkassen denkbar.

 

Um die Bewertung von Personen geht es auch bei Bewerbungen. Dass man sich über Bewerber auch online ein Bild macht, ist in etwa der Hälfte der deutschen Unternehmen gängige Praxis. [8] Auch zukünftige Vermieter, Nachbarn, Kollegen etc. können sich aus Informationen, die sie in sozialen Netzwerken oder über (Personen-)Suchmaschinen finden, eine (vorgefertigte) Meinung bilden, ohne dass man selbst die Möglichkeit hat, einen womöglich negativen Eindruck zu relativieren. Das bedeutet nicht, möglichst keine Informationen über sich im Internet zu veröffentlichen, sondern dass man sich bewusst sein sollte, welche (falschen) Schlüsse über die eigene Person daraus gezogen werden können. Die eigene Online-Reputation aktiv zu pflegen, indem man das veröffentlicht, was andere finden sollen, kann auch eine Form der Informationellen Selbstbestimmung sein. Die Gefahr der Diskriminierung durch (öffentlich zugängliche) Daten gilt insbesondere für Menschen, die sich für kontroverse Meinungen stark machen oder aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung Diskriminierung zu befürchten haben. Gewisse Dinge im Netz nur anonym zu veröffentlichen kann hier schützen.

Schutz vor den eigenen Daten

Unsere Daten beeinflussen nicht nur, wie uns andere im Internet sehen, sondern auch, wen und was wir dort selbst sehen. Die Personalisierung in der digitalen Welt beschränkt auch Suchergebnisse und bestimmt, von welchen Freunden wir in sozialen Netzwerken mehr Informationen sehen oder wer uns überhaupt als Kontakt vorgeschlagen wird. Noch sind die Auswirkungen der so genannten FilterBlase [9] abstrakt: Es wird vermutet, dass sich Nutzer aufgrund der Personalisierung im Internet nur noch mit politischen Meinungen, Informationen und Menschen umgeben, die ihren Vorlieben entsprechen. Greifbar sind die Effekte der Personalisierung bereits beim Filter-Algorithmus von Facebook. [10]

 

Insgesamt geht es beim Management der eigenen Daten darum zu verhindern, dass sich Informationen über die eigene Person verselbstständigen, indem sie in die falschen Hände geraten, bei anderen einen schlechten Eindruck hinterlassen oder Handlungs- und Informationsmöglichkeiten einschränken.

Quellen

[1] Beuth, Patrick: Alles Wichtige zum NSA-Skandal. Zeit Online. 09.05.2014 [05.06.2014] [zurück]

[2] Horchert, Judith: Automatisierte Überwachung: Ich habe etwas zu verbergen. Spiegel Online. 28.06.2013 [05.06.2014] [zurück]

[3] Horchert, Judith: Netzattacken: Cyber-Spanner beobachten Frauen heimlich per Webcam. Spiegel Online. 13.03.2013. [05.06.2014] [zurück]

[4] Cyber-Attacken in Deutschland: Eine Viertelmillion Identitäten in drei Monaten geklaut. Spiegel Online. 07.08.2013. [05.06.2014] [zurück]

[5] Roth, Anne: Bitte recht freundlich. Der Freitag. 21.10.2011. [05.06.2014] [zurück]

[6] Verräterisches Handy. Zeit Online. [05.06.2014]. [zurück]

[7] Biermann, Kai: Wer zu hart bremst, verliert seinen Versicherungsrabatt. Zeit Online. 13.11.2013. [05.06.2014] [zurück]

[8] Online-Spuren von Jobsuchenden. Jeder zweite Personaler googelt Bewerber. Süddeutsche Zeitung. 18.10.2013. [05.06.2014] [zurück]

[9] Filter Bubble. Technopedia. [05.06.2014]. [zurück]

[10] Budde, Lars: Facebook EdgeRank: So funktioniert der Algorithmus im Detail [Infografik]. t3n. 18.04.2013. [05.06.2014]. [zurück]

Links

Das PRISM-Rollenspiel zum Datenschutz

Der Lehrerfreund bietet kostenlos dieses Spiel an, mit dem Schülerinnen mit Hilfe von Kurznachrichten Profile von Personen erstellen und dabei erfahren, wie gefährlich es ist, wenn private (Kommunikations-)Daten in fremde Hände gelangen.

Leben im Netz – die digitale Gesellschaft

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