Von der Technologie getrieben

„Bildungspotenziale durch digitale Medien“ – Zu diesem Thema referierte Prof. Dr. Christoph Igel, Direktor des Centre for e-Learning Technology (CeLTech) am 7. März 2013 im Rahmen des Medienkompetenztages am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg in Stuttgart. „Das CeLTech ist ein Forschungs- und Entwicklungsinstitut der Universität des Saarlandes, der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes und des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz GmbH“.1

 

„Bildung und Technologien stehen wieder stärker im Fokus der Marktanbieter“, berichtete Prof. Igel, auch mit Blick auf die zeitgleich stattfindende CeBIT. Dort stand die diesjährige Messe unter dem Leitthema Shareconomy2.  Entsprechend rücken Sharing-Plattformen und neue Lerntechnologien in Verbindung mit mobilen Lerngeräten wieder verstärkt auf den Markt. In seinem einstündigen Vortrag ging Prof. Dr. Igel der Frage nach, inwiefern digitale Medien und mobile Geräte die Bildungsinstitutionen und das mediengestützte Lernverhalten verändern. Er zeigte auf, dass technologische Veränderungen der vergangenen Jahre und der Wandel im Nutzerverhalten hin zum Web 2.0 treibende Faktoren für die Bildung waren und die Bildungsansätze entscheidend verändert haben.

 

Hier gelangen Sie zum  Video seines Vortrages (Teil 1 bis 5) und zu seiner Präsentation. Dieser Artikel greift daraus einzelne Aspekte heraus und behandelt im Schwerpunkt folgende Themen:

Ständig was Neues: Von der Technologie getrieben

Forscht zu neuen Bildungstechnologien: Prof. Dr. Christoph Igel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. (Bild: © Stadtmedienzentrum am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg)

Seit nunmehr zehn Jahren zeigt sich, dass „die strukturellen Entwicklungen im Bildungsbereich mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten können“. Bildung hinkt der Technologie hinterher. Prof. Igel führte das auf die kurzen Lebens- und Innovationszyklen der Produkte zurück. Ständig gibt es etwas Neues auf dem Bildungsmarkt – nicht immer zur Freude der Lehrkräfte. Sie sollen sich permanent in neue Technologien einarbeiten und haben dabei häufig weder die Zeit noch eine Strategie, wie sie diese Innovationen sinnvoll für ihre pädagogische Arbeit nutzen können. Viel zu viele Evaluationen und Projekte werden durchgeführt, kritisierte Igel, und verharren dann im Versuchsstadium, weil es an den Hochschulen und Schulen zu wenige Ressourcen und zu wenig konkrete Umsetzungspläne gebe.

 

Viele Lehrer und Hochschullehrer fühlen sich alleine gelassen und fragen „Ist der Unterricht mit neuen Lerntechnologien ein verbindliches Profilelement meiner Institution oder lediglich ein optionales Lernmedium?“ Aus Sicht von Igel müssten deswegen viel mehr Strukturentscheidungen von den Schulleitungen und den politischen Trägern getroffen werden, die klar machen, was man eigentlich will. Außerdem könnten Kompetenzzentren sehr gut beraten und den Schulen eine Orientierung geben, wie sie mit der Vielzahl an neuen Lerntechnologien im Bildungsbereich umgehen sollen.

 

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„Zoo an Technologien“ – Wer hat den Überblick?

„Jede Technologie ist der breiten Nutzung immer etwa drei bis fünf Jahre voraus“, erklärte Prof. Igel. So gab es zum Beispiel 2002 schon Grundelemente des Social Webs, 2005/2006 folgten die großen sozialen Netzwerke, ab 2007/2008 war das Internet von überall aus verfügbar, heute wird es vor allem über Smartphone genutzt. Jede neue Technologie durchläuft unterschiedliche Phasen der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Prof. Igel am Beispiel des Hype-Zyklus von Gartner verdeutlichte. Nur wenige dieser Technologien setzen sich in Massen- und Nischenmärkten durch, erreichen ein „Plateau der Produktivität“3 und entwickeln sich in zweiter und dritter Generation weiter . Entscheidend sind dabei immer die gleichen Fragen:

  • Wann trifft die Technologie in der Breite am Markt ein?
  • Reicht der Reifegrad der Technologie für eine nachhaltige Nutzung aus?
  • Wird sich die Technologie amortisieren?

Damit sind wir auch schon beim Problem: Niemand kann diese Fragen verlässlich beurteilen ohne vernetzte Expertisen, fundierte Analysen und Fachberatung.

 

Eine realistische Einschätzung zum Erfolg einer Technologie ist natürlich wichtig, untermauerte Igel und richtete folgenden Appell an sein Publikum: „Es gibt ja nichts Schlimmeres, wenn Sie in den Klassenraum oder in den Hörsaal gehen und nicht wissen, ob die Technologie heute funktioniert oder ob sie nicht funktioniert. Oder ob Sie über Technologien reden, die bei den Schülern vielleicht gar keine Akzeptanz haben, aber Sie persönlich ganz toll finden.“

Bei der Vielzahl an neuen Technologien brauchen Schulen Beratung. (© 2013 Thinkstock, Bild-Nr.: 76803494, Creatas Images)

Der Einfluss von Technologie auf Bildungsansätze

Veränderungen im Technologiebereich hatten in der Vergangenheit auch Auswirkungen auf Bildungsansätze, so Igel. Mitte der 90er Jahre bis 2002/2003 gab es verschiedene Lerntechnologien mit immer dem gleichen Ansatz: Der Lehrende stand im Zentrum – er legte die Unterrichtsinhalte fest und teilte Dateien beziehungsweise Online-Materialien aus. Diese Frontalsituation in den Klassenräumen und Hörsälen wurde identisch im pädagogischen Schulnetz abgebildet, mit Anmeldeprozessen, Teilnehmerlisten und entsprechenden Organisationsstrukturen. Wirkliche Interaktion zwischen Schülern und Lehrern blieb weitgehend auf der Strecke, erläuterte Igel.

 

In dieser Zeit wurden sehr viele Learning-Management-Systeme (LMS) wie zum Beispiel Moodle, CLIX oder Ilias an Bildungsinstitutionen eingeführt. Weltweit gibt es derzeit zirka 260 LMS-Systeme, die allerdings von den jüngeren Usern kaum genutzt werden. Hierfür nannte Igel zwei wichtige Gründe: Mit dem Aufkommen von Web 2.0 und der Verfügbarkeit von mobilen Endgeräten veränderte sich das Nutzerverhalten grundlegend. Aktive Mitarbeit, kommunikativer Austausch über unterschiedliche Kanäle und Interaktion rückten in der Internetgesellschaft stärker in den Vordergrund.

 

Das beeinflusste Bildungsansätze und die Form des Medienunterrichts: Man verabschiedete sich vom lehrerzentrierten Ansatz und orientierte sich stattdessen viel stärker am Nutzer und verfolgte den Lernenden-orientierten Ansatz. Die meisten LMS-Systeme haben diese Entwicklung allerdings verpasst, sind lehrerzentriert geblieben und passen damit nicht mehr zur heutigen Anwendergeneration, erklärte Igel.

Frontalunterricht und lehrerzentrierte Lerntechnologien haben sich verbraucht. (© 2013 Thinkstock, Bild-Nr.: 100769435, Oleksandra Borsuk)

Bildungstechnologien der Zukunft – Future Internet 2020

Prof. Dr. Igel schloss seinen Vortrages mit Blick in die nahe Zukunft ab. Laut seiner Einschätzung ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren cyper-physische Systeme, die über Smartphones fortgeführt werden, und integrierte Sensortechnologien für das Internet der Dinge stark an Bedeutung gewinnen werden.

 

Das semantische Web 3.0, und da ist sich Igel ganz sicher, wird in der breiten Nutzung kommen und schon bis zum Jahr 2015 große Veränderungen – auch im Bildungsbereich – mit sich bringen. Dabei handelt sich um intelligente Lerntechnologien mit semantischen Webanwendungen, die Benutzermodelle bauen und individuell auf den Anwender eingehen können. Vereinfacht ausgedrückt lernt das Benutzermodell mit. Es weiß was der Lernende kann, wertet Fehler aus, meldet diese zurück und liefert Vorschläge zur Vertiefung, Wiederholung oder zur Übung. Damit wird sich die Technologie dem individualisierten Lernprozess stärker anpassen.

 

Die Bildungs-Cloud, hierzulande noch kontrovers diskutiert, wird sich aus Sicht von Igel durchsetzen, um Lernobjekte und Lernapplikationen über mobile Endgeräte allgegenwärtig verfügbar zu machen. Das Lernen im „cave“, also im dreidimensionalen Raum, befindet sich schon in der Testphase und könnte für den Hochschulbereich und die Berufliche Bildung sehr interessant werden.

 

Medizinstudenten können sich heute schon, ohne Maus und Tastatur, durch eine virtualisierte Wirbelsäule bewegen und jeden einzelnen Wirbel „hautnah“ miterleben. Im 3D-Raum navigiert sich der Student dann mit seinen Körperbewegungen und einer High-Tech-Brille durch die Anatomie des Menschen. Eine ganz andere Brille bringt Google demnächst auf den Markt, die Google Glases. Je nach Richtung und Blickwinkel des Anwenders soll die Brille angeblich erklärende Informationen übermitteln und den User auf Fehler hinweisen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Brille wirklich einen Beitrag zum modernen e-Learning leistet oder nur ein Mehr an Spaß für neue Technologien bietet.

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1. http://www.celtech.de

2. vgl. http://www.cebit.de/

3. http://de.wikipedia.org/wiki/Hype-Zyklus