Digitalisierung im Klassenzimmer: Eine Schule berichtet

Foto: Oliver Jäger; Mediengestützter Unterricht am Maria von Linden Gymnasium

Wenn Oliver Jäger morgens das Maria von Linden Gymnasium in Calw betritt, hat er, anders als viele seiner Kolleginnen und Kollegen, keine schwere Tasche unter dem Arm: Er müht sich nicht mit Büchern, Kopien, Arbeitsblättern oder Ausdrucken ab. Herr Jäger besitzt keinen Kopiercode, seine gesamten Unterrichtsmaterialien ruft er im Klassenzimmer online ab…

 

An zwei Tagen pro Woche unterstützt der Lehrer und Netzwerkbetreuer das Kreismedienzentrum Calw als Schulnetzberater. Wir haben mit Herrn Jäger über Unterrichtsformen im digitalen Zeitalter gesprochen, über seine Aufgaben als Schulnetzberater und über die Zukunft der Digitalisierung an Schulen. Das Interview führte Dr. Katy Schlegel.

1. » Herr Jäger, Sie gestalten Ihren Unterricht am Maria von Linden Gymnasium größtenteils digital. Wie darf man sich das vorstellen und worauf kommt es ihnen dabei an?

Foto: Oliver Jäger, Schülerinnen im Unterricht

Jäger: Ganz praktisch sieht es so aus, dass ich die Schülerinnen und Schüler entlang des Lehrplans aktiv in die Unterrichtsgestaltung einbinde. Sie erarbeiten die Unterrichtsinhalte größtenteils digital, tragen Themen selbstständig zusammen, teilen im Sinne des Web 2.0 Wissen mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern und gelangen genau darüber zu einer erweiterten, tiefergehenden Sicht auf den jeweiligen Lerngegenstand. In einem aktuellen Pilotprojekt entwerfen zwei achte Klassen sogar die Klassenarbeiten für die jeweils andere Klasse indem sie Themen erarbeiten, den Mitschülerinnen und Mitschülern den Unterrichtsstoff aufbereiten und letztlich Fragen ableiten. In diesem medienbasierten Unterricht besteht meine Aufgabe als Lehrkraft im Wesentlichen darin, den digitalen Rahmen in technischer und in inhaltlicher Hinsicht abzustecken und den Schülerinnen und Schülern die notwendigen medialen Funktionen an die Hand zu geben. Darüber hinaus begleite ich die Schülerinnen und Schüler natürlich permanent (medien-)pädagogisch und trete als Moderator in Aktion.

 

Es geht mir bei der Unterrichtsgestaltung also um mehr als um die einfache Substitution der bestehenden Lehrmittel. Ziel ist es vielmehr den Rahmen für ein digitales Klassenzimmer zu schaffen und dabei die Funktionen und Möglichkeiten der digitalen Medien tatsächlich auch zu nutzen. Dadurch gelingt es mir, den Schülerinnen und Schülern über die Lernziele hinaus weitere wichtige Fähigkeiten zu vermitteln, sie beispielsweise in Präsentationstechniken zu stärken, ihren Teamgeist zu schulen, sie zu selbstständigem Lernen zu bewegen, sie gleichzeitig aber auch über ihre Verantwortung aufzuklären – kurz Schülerinnen und Schüler in ihrer Medienkompetenz zu fördern.

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2. » Welche Vorteile ergeben sich Ihrer Meinung nach aus der Digitalisierung im Klassenzimmer und wo sehen Sie Herausforderungen?

Foto: Oliver Jäger, Schülerinnen und Schüler erarbeiten den Unterrichtslernstoff

Jäger: Die Vorteile, die sich aus einem solchen mediengestützten Unterricht ergeben, sehe ich vor allem in der Zeitersparnis und darin, mehr Unterrichtsinhalte breiter aufgestellt an viel mehr Stellen zu vermitteln. Unterricht findet demnach nicht mehr nur innerhalb von 45 Minuten in den Klassenzimmern statt. Die Schülerinnen und Schüler haben vielmehr die Möglichkeit orts- und zeitunabhängig zu lernen, nachzudenken, Fragen zu stellen, Dingen auf den Grund zu gehen. In diesem Denkprozess wird die Lehrkraft zum Lernbegleiter, der den Lernenden zur Seite steht, mit ihnen kommuniziert, sie bei der Suche nach Antworten auf ihre Fragen unterstützt – und das eben nicht mehr nur in der Schule. Gleichzeitig bleibt im Unterricht dadurch mehr Zeit für eine der wesentlichsten Aufgaben einer Lehrerin oder eines Lehrers, nämlich die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Interessen und Lernbedürfnisse.

 

Natürlich gesteht man den Schülerinnen und Schülern durch den Gebrauch von digitalen Medien im Unterricht einen gewissen Freiraum ein. Hier ist es die Aufgabe der Lehrkraft, ihnen verantwortungsvolles, achtsames und kompetentes Medienhandeln zu vermitteln – was letztlich auch Ziel einer langfristigen Medienbildung ist.

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3. » Zum Thema Medienbildung - Wie steht es um die Mediennutzung an den Schulen? Welche Erfahrung haben Sie als Schulnetzberater gemacht?

Jäger: Die Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Mediengesellschaft macht Medienbildung zu einem  wichtigen Bestandteil allgemeiner Bildung – so ist es im aktuellen Bildungsplan für Baden Württemberg (Juni 2016) noch einmal verankert. Dass es dabei gilt Medienbildung fächerintegriert und inhaltsbezogen zu vermitteln, macht Schulen und Schulträgern den eigenen medientechnischen und -pädagogischen Bedarf bewusst. Diese Aufbruchsstimmung bekomme ich als Schulnetzberater deutlich zu spüren. Allein in den ersten zwei Monaten dieses Schuljahres habe ich gemeinsam mit dem mir zur Seite gestellten Medienpädagogischen Berater acht Schulen im Landkreis Calw hinsichtlich Schulnetzwerk und zukünftiger Mediennutzung beraten. Spannend ist dabei, dass sich sowohl kleine Grundschulen ohne jegliche Vernetzung als auch große Berufsbildungszentren mit bereits vorhandener Infrastruktur mit dem Thema auseinandersetzen und mit uns in Kontakt treten, um ein individuelles Konzept zu erarbeiten.

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4. » Inwiefern kann es für Schulen hilfreich sein, sich auf ihrem Weg in die Digitalisierung bzw. in ihrer medientechnischen Weiterentwicklung an Sie zu wenden, um sich beraten zu lassen?

Foto: Oliver Jäger, Schülerinnen am Laptop

Jäger: Da wir Schulnetzberater des Landesmedienzentrums stets offen und produktungebunden beraten, erhalten die Schulen von uns keineswegs vorgefertigte, pauschale Antworten. Unser Ziel ist es vielmehr, eine für die einzelne Schule optimale Lösung zu finden. Hierfür klopfen wir die technischen Voraussetzungen, die finanziellen und medialen Möglichkeiten sowie den pädagogisch-didaktischen Bedarf der jeweiligen Schule ganz individuell ab. Wir werfen einen differenzierten Blick von außen auf die Gegebenheiten, wobei wir dabei zum einen aus unserer Praxiserfahrung und zum anderen aus unserem Knowhow schöpfen können. Insbesondere Letzteres erweitern wir regelmäßig und strukturiert durch Schulungen und Weiterbildungen auf dem Gebiet der Medientechnik und -pädagogik. Neben dem Argument der Zeitfrage schätzen viele Schulen zudem, dass wir als Lehrerin oder Lehrer kompetente Ansprechpartner auf Augenhöhe sind, dass wir zielorientiert die richtigen Gesprächspartner zusammenführen und Potenziale aufzeigen. Am Ende entscheidet jede Schule selbst, welchen Weg sie in ihrer Medienentwicklung gehen möchte.

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