Pornografie und Essstörung – ein Ratgeber für Eltern

Bild: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, Lizenz: CC BY-NC-SA

Während der Pubertät setzen sich Jugendliche nicht nur mit der Suche und Ausbildung ihrer eigenen Identität auseinander, sondern machen auch ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Dabei bilden die neuen Medien eine große Aufklärungshilfe, um nähere Informationen zu Themen zu erhalten, die man sich vor seinen Eltern oder Freunden möglicherweise nicht auszusprechen traut. Allerdings führen viele solcher Recherchen, beispielsweise mit einer Suchmaschine im Internet, nicht immer zu einer seriösen Antwort, sondern verunsichern die Jugendlichen noch weiter oder bringen sie mit pornografischen Inhalten in Berührung, die das Bild von Partnerschaft und Sexualität einseitig beeinflussen können.

 

Tatsächlich sind Pornoseiten im Netz im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht erreichbar. Ein altersbeschränkter Zugang, wie er auf manchen Pornoseiten eingerichtet ist, ist dabei faktisch wirkungslos. So können nicht nur Jugendliche, sondern auch jedes Kind auf pornografischen Internetseiten surfen, sei es durch Zufall oder aus Absicht. Und dies obwohl die Verbreitung von Pornografie an unter 18-Jährige in Deutschland verboten ist. Um falsche, verunsichernde und bei jüngeren Kindern teilweise angstmachende Vorstellungen zum Thema Sexualität zu relativieren, bedarf es eines Gesprächsraumes, in dem die Eltern ihren Kindern zuhören, sie informieren, Gesehenes gemeinsam besprechen und gleichzeitig die Jugendlichen darin unterstützen, ein positives Konzept ihrer selbst zu entwickeln.

 

Ein relativ neuer Trend unter Jugendlichen ist das sogenannte „Sexting“ (Zusammensetzung aus „Sex“ und „Texting“). Dabei werden erotische Fotos oder freizügige Videos per Smartphone oder Computer versendet. Besonders häufig geschieht das über Apps wie WhatsApp oder Snapchat (hier löscht sich das Bild nach wenigen Sekunden automatisch wieder) zwischen zwei Partnern in einer Beziehung. Jugendliche haben ihre Gründe, weshalb sie Sexting betreiben: So zeigen sie sich gegenseitig ihre Nähe und Gefühle füreinander, probieren sich online sexuell aus oder nutzen es innerhalb des Freundeskreises, um die Clique zu motivieren, auch einmal solche Bilder zu machen. Gleichzeitig ist es jedoch wichtig, die Heranwachsenden dafür zu sensibilisieren, dass das Versenden freizügiger Bilder im ungünstigen Fall auch (Cyber-) Mobbing oder soziale Ausgrenzung zur Folge haben kann.

 

Neben pornografischen Inhalten können im Internet auch zahlreiche Foren, Bilder und Beiträge rund um Anorexia (Ess-Brechsucht oder Magersucht) gefunden werden, die viele Jugendliche auf der Suche nach ihrer eigenen Identität in den Bann ziehen. Und auch hier steht der Körper im Mittelpunkt des Interesses. Anders als bei pornografischen Inhalten wird bei Anorexia weniger auf die Freizügigkeit fokussiert als auf den Schlankheits- bzw. Magerwahn. Über Pro-Ana- und Pro-Mia-Foren beispielsweise wird Magersucht verherrlicht und Anleitung zum Eintritt in ein Leben mit der Ess-Brechsucht gegeben. Dabei unterstützen Castingshows, in denen magere Modells über den Laufsteg schweben und dennoch als nicht ausreichend schlank bezeichnet werden, häufig den Wunsch, sich der Anorexia-Gemeinschaft anzuschließen.

 

Auch Kalorienzähl-Apps für das Smartphone (z.B. FatSecret oder MyFitnessPal) oder Tracking-Uhren finden reges Interesse bei Jugendlichen. Dabei werden tagebuchartig Ess- und Bewegungsgewohnheiten auf die Kalorie genau festgehalten, um Schritt für Schritt seiner Traumfigur näher zu kommen. Rund um die Uhr ist die App einsatzbereit und damit auch die guten Vorsätze, die man mit dem Befolgen der Anweisungen einzuhalten versucht. Doch gerade durch den sozialen Druck, den die neuen Medien mit Bildern, neu geposteten Fitnesstipps auf Instagram oder Schlankheitsvergleichen auf Facebook, auf Jugendliche ausüben, kann es schnell passieren, dass die harmlosen Diäthelfer und Kalorienzähler Auslöser einer Essstörung werden. Auch hier ist es für Eltern wichtig, den Jugendlichen frühzeitig begreiflich zu machen, dass der Schlankheitswahn kein Lifestyle ist, sondern ernsthafte und vor allem langfristige Folgen für den Körper haben kann. Nehmen Sie sich die Zeit, um in der Familie über Magersucht und deren Folgen zu sprechen, halten Sie sich selbst auf dem Laufenden über neue Trends (siehe auch Nützliche Links) und stärken Sie das Selbstwertgefühl ihrer Kinder, denn jeder hat besondere Fähigkeiten, die es hervorzuheben und zu stärken gilt.

Tipps für Eltern

  • Wenn Sie annehmen, dass Ihr Kind Pornos anschaut, dann sprechen Sie mit Ihrem Sohn beziehungsweise Ihrer Tochter. Das ist sicher schwierig, denn Jugendliche reden im Normalfall nicht gerne über Intimes mit ihren Eltern. Ein gemeinsames Gespräch gibt aber Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Ängste und Befürchtungen in Hinblick auf Sexualität auszudrücken. Vorhaltungen und Verbote bringen wenig. Sprechen Sie stattdessen aus, dass Sie sich zum Beispiel Sorgen machen.
  • Finden Sie eine Sprache für das Thema Sexualität und Pornografie. Worüber gesprochen werden kann, das kann reflektiert werden. Im ersten Moment mag das Thema eher unangenehm sein. Deshalb: Sprechen Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin darüber, befragen Sie Freunde und befreundete Eltern oder kontaktieren Sie eine Beratungsstelle. Hier bieten sich Sexualberatungsstellen ebenso an wie medienpädagogische Beratungsstellen. Leichter fällt das Sprechen auch, wenn Sie wissen, worüber Sie reden. Erwägen Sie deshalb, selbst einmal auf Pornoseiten zu schauen. So sehen Sie, was Ihre Kinder auch sehen (könnten).
  • Die Weitergabe von Pornografie an Jugendliche unter 18 Jahren ist in Deutschland per Gesetz verboten (Paragraf 184 Strafgesetzbuch), der Besitz hingegen nicht. Ihr Kind begeht also keine Straftat, wenn es Pornografie anschaut oder besitzt. Wenn es allerdings Pornos (auf dem Handy, als Datei oder als Printprodukt) an andere Jugendliche weitergibt, macht es sich unter Umständen strafbar.
  • Die Sicht auf den eigenen Körper und die eigene Sexualität wird heute sehr stark medial beeinflusst. Insbesondere Castingshows, wie Germany’s Next Top Model, geben ein bestimmtes Verhaltensmuster und Körperbild vor. Schauen Sie diese Sendungen gemeinsam mit Ihren Kindern, bilden Sie sich selbst eine Meinung dazu und fragen Sie auch Ihre Kinder nach deren Ansicht (siehe auch Kapitel Fernsehen). Nehmen Sie sich auch die Zeit, um mit Ihren Kindern über Magersucht und dessen Folgen zu sprechen, denn es ist wichtig zu verstehen, dass die in den Medien gezeigten Vorbilder nicht der alltäglichen Realität entsprechen.
  • Sollten Sie bei Ihrem Kind auf Anzeichen von Essstörungen aufmerksam werden, geraten Sie nicht in Panik und versuchen Sie auch nicht, die/den Betroffene(n) mit Forderungen und Appellen zu überfallen. Bleiben Sie ruhig, informieren Sie sich über mögliche Vorgehensweisen und kontaktieren Sie eine Beratungsstelle für Essstörungen (genauere Informationen zu Vorgehensweisen finden Sie u.a. in der Broschüre „Gegen Verherrlichungen von Essstörungen im Internet“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – siehe Nützliche Links).

Nützliche Links

Landesmedienzentrum Baden-Württemberg: Pornografie
Auf den Seiten des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg finden Sie Informationen und Materialien zum Thema Pornografie, die regelmäßig aktualisiert werden.

 

pro familia SEXTRA
Diese Internetplattform informiert Jugendliche und Erwachsene in Sachen Liebe, Freundschaft und Sexualität.

Sex, we can?!
Das Projekt und der gleichnamige Film des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik bietet Material für Eltern und alle, die mit Jugendlichen arbeiten.

jugendschutz.net
Die Initiative kontrolliert das Internet im Hinblick auf Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz und informiert über eine sichere Internetnutzung. Seit 1998 recherchiert jugendschutz.net zur rechtsextremen Szene. Zu den Internetbewegungen Pro-Ana und Pro-Mia und anderen selbstgefährdenden Verhaltensweisen von Jugendlichen finden Sie dort ebenfalls Informationen.

klicksafe.de
Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz bietet Informationsmaterial und Broschüren, unter anderem zu den Themen Rechtsextremismus, Pornografie, Sexting, Pro-Ana und Pro-Mia.

SCHAU HIN!
Die Initiative „SCHAU HIN!“ bietet zahlreiche Informationen und Handlungsempfehlungen rund um das Thema Pornografie im Netz.

www.bmfsfj.de
Die Internetseite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet weiterführende Informationen zum Thema „Magersucht“, ebenso wie eine Ratgeber-Broschüre („Gegen Verherrlichung von Essstörungen im Internet“) für Eltern an.

www.bzga-essstoerungen.de
Die Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema Essstörungen beschäftigt sich u.a. mit Magersucht und Bulimie und richtet sich an Betroffene, Eltern, sowie deren Angehörige und Lehrkräfte. Gleichzeitig kann dort Rat und Hilfe über ein Beratungstelefon eingeholt werden.

www.bulimie-online.de
Das Internetangebot des eingetragenen Vereins „Hungrig Online“ bietet Informationen rund um Essstörungen, deren Risiken und weiterführende Angebote zur Unterstützung von Betroffenen und Angehörigen.

Zahlen und Fakten

Im Auftrag der BRAVO wurden 2 492 Mädchen und Jungen im Alter von elf bis 17 Jahren zu Aufklärung, Liebe, Körper und Sexualität befragt. Die Studie widerlegt dabei die oft wiederholte These, dass Jugendliche immer früher sexuelle Erfahrungen machen und durch YouPorn & Co freizügiger wie frühreifer seien. Erst 27 % der befragten 16-Jährigen und 47­ % der 17-Jährigen hatten schon einmal Geschlechtsverkehr.

 

Nur etwa die Hälfte der 12-jährigen Mädchen ist mit ihrem Gewicht zufrieden. Viele Mädchen, und bereits jede Dritte ab 13 Jahren, kontrollieren regelmäßig das Gewicht. Diäten spielen deshalb auch früh eine Rolle. (Quelle: Dr.-Sommer-Studie 2016)

Diese Seite ist Teil der vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) herausgegebenen Broschüre Medien – aber sicher. Ein Ratgeber für Eltern.