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26.06.2018 | Timo Bister

Mediensucht – Eine unterschätzte (Nicht-)Krankheit

Bild: Unsplash.com, Lizenz: CC0

Dass Kinder und Jugendliche Medien in ihren Alltag vollkommen integriert haben, darüber muss man inzwischen nicht mehr groß diskutieren. Studien des Branchenverbands Bitkom belegen, dass Kinder und Jugendliche bereits im Vorschulalter mit Smartphone, Tablet und PC in Kontakt kommen und mit den digitalen Medien aufwachsen. Sie werden auch „Digital Natives“, also digitale Ureinwohner, genannt. Das Erste, was einem bei diesem Begriff in den Kopf kommen könnte, wären wohl Kinder und Jugendliche, die den ganzen Tag damit verbringen, am Computer Videos zu konsumieren, mit dem Smartphone bei allen möglichen Gelegenheiten mit Gleichaltrigen über soziale Netzwerke kommunizieren oder Spiele spielen. Ist das schon Mediensucht? Ab wann ist es zu viel? Beim Gesamttreffen der medienpädagogischen Berater/-innen und Referent/-innen mit dem thematischen Schwerpunkt Datenschutz und Mediensucht am 14. Juni 2018 wurden diese Fragen aufgegriffen. Diplom-Sozialpädagoge Andreas Pauly von der ambulanten Suchthilfe Update versuchte Antworten auf die Fragen zu geben.

Wie kann Mediensucht aussehen?

Referenten geben eine Einschätzung über die Zahlen der Betroffenen. Bild: Timo Bister

Ganz offiziell gibt es die Mediensucht aus medizinischer Sicht noch nicht. Aber dennoch sollte man ihr Beachtung schenken, denn digitale aber auch analoge Medien können abhängig machen, egal ob Computerspiele, soziale Medien, Film oder auch bestimmte Websites wie Google, berichtet Pauly. Sechs Prozent der Zwölf bis 17-Jährigen gelten in Deutschland als „internetsüchtig“, fand die Drogenaffinitätsstudie der BzgA heraus. Dabei sind Mädchen häufiger betroffen als Jungen. Bei Computerspielen zeigte sich, dass 8,5 Prozent der Jungen danach süchtig sind. Insgesamt sind 22,4 Prozent als gefährdet eingestuft worden. Dabei spielt die Nutzungsdauer zwar eine Rolle, aber sie ist nicht allein ausschlaggebend.

Wichtig sei, dass dabei zwischen exzessiver Nutzung und einem suchtähnlichen Verhalten unterschieden wird. Zwar ist eine Nutzung von 30 Stunden pro Woche bedenklich, aber kann noch nicht pauschal als Mediensucht deklariert werden. Dazu bedarf es laut Pauly zusätzliche Faktoren, die über einen längeren Zeitraum auftreten. Als Risikofaktoren gelten ein gestörtes Selbstwertgefühl, soziale Einsamkeit oder auch negative Stressbewältigung. Dabei sprechen Fachexpertinnen und -experten von Mediensucht, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien in den letzten zwölf Monaten aufgetreten sind:

  • Carving (intensives Verlangen)
  • Kontrollverlust über Anfangs- und Entzeitpunkt der Nutzung
  • Entzugserscheinung
  • Toleranzentwicklung
  • Sozialer Rückzug
  • Negative Konsequenzen (Schule, Studium, Arbeit)


In Zukunft wird für die Diagnostizierung von Mediensucht auch der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation eine Rolle spielen, da in der kommenden elften Revision, welche sich noch in der Betaphase befindet, die Computerspielsucht als Störungsdiagnose mit aufgenommen wird. Damit erhofft sich Andreas Pauly, dass man zukünftig Hilfe häufiger und schneller für Betroffene anbieten kann und dass das Thema „Mediensucht“ mehr in den Fokus der Gesellschaft rückt.

Medienprävention und ihre Projekte

Um Kindern, Jugendlichen und Eltern dabei zu helfen, ein Bewusstsein für die Nutzung von Medien zu bilden, ist nicht nur reine Medienpädagogik vonnöten. Auch eine gesunde Medienprävention leistet ihren Teil, Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen zu erkennen, wie Medien ihnen helfen können und wann der Medienkonsum schädlich wird.

 

Ziel des Projektes „Net-Piloten“ soll es sein, dass sich sowohl Erwachsene als auch Jugendliche in Workshops und Seminaren mit der Thematik Mediennutzung auseinandersetzen und dabei auch das (eigene) Nutzungsverhalten reflektieren. Neben dem Peer-Ansatz, also die Vermittlung und Aufklärung unter Gleichaltrigen, ist für Andreas Pauly und sein Team bei Update auch ein erlebnispädagogischer Ansatz wichtig. Bei „Reality Adventure“ sollen Jugendliche erleben, dass die reale Welt viel zu bieten hat und sich nicht alles um das virtuelle Leben dreht. Nicht nur der Spaß an der Welt und ihren Freizeitmöglichkeiten soll den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vermittelt werden, denn wie bei Net-Piloten sind der Austausch unter den Jugendlichen und die Knüpfung von sozialen Kontakten ein zentraler Bestandteil des Projekts. Schließlich ist es für einen gesunden und maßvollen Umgang mit Medien auch notwendig, dass Jugendliche soziale Beziehungen zu Erwachsenen und Gleichaltrigen aufbauen.

 

Beratungsstellen für Mediensucht in Baden-Württemberg finden sie hier.

Außerschulische Pädagogik, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Medienbildung

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