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20.02.2017 | Stephanie Wössner

„Zwischen Kompetenz und Kontrollverlust – Wir in der Digitalen Welt“

Dr. Harald Gapski; Bild: Christian Reinhold/LMZ

„Ja, du. Du hast die Kontrolle über das Informationszeitalter. Willkommen in Deiner Welt.“ So hieß es 2007 auf der Titelseite des Time Magazine. Gemeint war, so Dr. Harald Gapski, dass das Web 2.0, das partizipative Internet, entstanden war, das die Teilhabe jedes Einzelnen versprach. Heute, noch einmal zehn Jahre später, hat sich die Technologie so schnell verändert, dass die analoge Welt und die digitale Welt langsam miteinander verschmelzen und sich gegenseitig beeinflussen. „Blickt man ein klein wenig in die Zukunft, leben wir vermutlich in der Cloud und verschmelzen mit der künstlichen Intelligenz, die unser Leben schon jetzt stark beeinflusst“, so Harald Gapski.

 

Die Metapher der Wolke, die uns helfen soll, die Idee der Auslagerung von Daten zu veranschaulichen, werde häufig eine andere Metapher genutzt, nämlich unsere Daten als „Öl des 21. Jahrhunderts“ zu bezeichnen, weil sie derzeit immer mehr an Wert gewinnen. Gapski hält allerdings eine ganz andere Metapher für treffender: Uran. Denn unsere Daten würden wie der radioaktive Stoff angereichert und zwar mit Deutungen und Prognosen und man würde – wie beim Uran – weder hören, sehen noch riechen, wenn man Daten hinterlässt und welche Konsequenzen dies möglicherweise habe. So sei es heute möglich, Menschen aufgrund ihres Online-Verhaltens zu analysieren, um sie dann gezielt zu beeinflussen. Das zeige deutlich, dass der Datenschutz und das Wissen über Medien und ihre digitalen Dienste immer wichtiger werden, und damit auch in Schulen seinen festen Platz haben müssen.

 

Harald Gapski zog hierfür noch eine weitere Analogie heran und verglich den Verkehr bzw. Autobahnen mit Datenautobahnen. Wer auf der Autobahn ein Fahrzeug lenken möchte, muss die Verkehrsregeln kennen und unter anderem einen Führerschein haben. Wieso also sollte dies auf der Datenautobahn anders sein? Zumal diese beiden Welten künftig immer stärker durch vernetzte Autos, die die Welt und jeden einzelnen Fahrer datifizieren, miteinander in Kontakt treten und sich gegenseitig beeinflussen.

 

Diese wechselseitige Beziehung von Mensch, Sensoren und Maschine wird laut Gapski immer bedeutsamer im Alltag und es gelte Kontrollmechanismen dafür zu entwickeln.

Künstliche Intelligenz macht Fortschritte

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese Herausforderung stellt der sogenannte „Hash Crash“ dar. Am 23. April 2013 wurde der Twitter-Account der Associated Press gehackt und die Falschmeldung veröffentlicht, dass es zwei Explosionen im Weißen Haus gegeben habe und Barack Obama verletzt worden sei. Eine Falschmeldung, die sich über das Internet in Sekundenschnelle verbreitete und die in den folgenden Minuten einen kurzzeitigen drastischen Einbruch der Börsenkurse zur Folge hatte. Potenzielle Gefahren kommen also nicht nur von Menschen, sondern auch von Maschinen, die inzwischen – bekannt als Künstliche Intelligenz – oftmals unerkannt mit Menschen interagieren. Für die Fortschritte in diesem Bereich nannte Harald Gapski ebenfalls Beispiele:

 

1997 besiegte erstmals ein IBM-Computer namens Deep Blue den Schachweltmeister Garry Kasparov, eine damals erstaunliche Leistung, die weltweit für Erstaunen sorgte. Schach ist aufgrund seiner Logik für Computer relativ leicht erlernbar und von daher war dieser Erfolg der künstlichen Intelligenz für viele erklärbar. Viele staunen jedoch über die weiteren Entwicklungen auf diesem Gebiet.

 

2011 nämlich konnte IBM einen weiteren großen Erfolg im Bereich der künstlichen Intelligenz verzeichnen, als ein Computer namens Watson die Jeopardy!-Meister Ken Jennings und Brad Rutter besiegte. 2017 gelang es schließlich einem Computer mit künstlicher Intelligenz, in einem 20-tägigen Turnier vier professionelle Pokerspieler zu besiegen. Poker basiert anders als z.B. Schach nicht nur auf logisch-berechenbaren Aktionen, sondern auch auf der Auswertung und der Reaktion auf emotional-menschliche Aspekte. Dies zeigt deutlich, wohin die Reise geht.

Plädoyer für die Förderung der Medienkompetenz in der Bildung

Während es momentan noch häufig um Experimente geht, die der Forschung dienen, hat die letzte Präsidentschaftswahl in den USA ein klares Bild davon gezeichnet, dass Beeinflussung der Gesellschaft, z.B. durch künstliche Intelligenz in Form von Social Bots, möglich ist und eingesetzt wird. Der IBM-Computer Watson soll inzwischen nicht nur seine Fähigkeiten bei Jeopardy! unter Beweis stellen, sondern auch bei Flüchtlingen zwischen Hilfsbedürftigem und potenziellem Terroristen unterscheiden. Das berge deutliche Gefahren, so Harald Gapski, wenn man bedenke, dass etwa ein Algorithmus, der das Rückfälligkeitspotenzial von Straftätern in den USA berechnen sollte, zu 80 Prozent falsch lag und Afro-Amerikaner deutlich diskriminierte. „Die Beurteilung von Menschen aufgrund von oberflächlich wahrnehmbaren Eigenschaften birgt viele Risiken, denen wir uns nicht nur bewusst sein müssen, sondern denen wir uns auch kompetent stellen müssen“, so Gapski.

 

Bisher als belanglos angesehene Daten können potenziell wertvoll sein oder werden. Wir leben heute in einem Spannungsfeld von Inhalten, Prozessdaten und Apps. Wir besitzen mit diversen Sensoren ausgerüstete Smartphones, lassen unseren Tag von Wearables wie Aktivitätstrackern messen und der Trend geht hin zum Smart Home. Alles ist vernetzt und inzwischen ist diese Entwicklung durch das Internet der Dinge so weit vorangeschritten, dass die Anzahl der Verknüpfungspunkte, der möglichen Adressen, die Geräten zugewiesen werden können, nicht mehr ausreichen. „Daher soll die momentan genutzte Version 4 des Internet-Protokolls (IPv4) vorausschauend durch die Version 6 (IPv6) ersetzt werden, welche eine deutlich größere Zahl an zuweisbaren IP-Adressen bietet“, erklärte Harald Gapski.

 

Gapskis Fazit ist klar formuliert: Obwohl es schon lange mehr Dinge als Menschen auf der Welt gibt und wir deutliche Anzeichen dafür sehen, wie weitreichend der Einfluss künstlicher Intelligenz sein kann, hinkt die Bildung nach wie vor der Technologie und der damit einhergehenden Veränderungen der Gesellschaft hinterher. Der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme ist laut Dr. Gapski denkbar einfach: die Hinwendung zur Förderung der Medienkompetenz in der Bildung. Dies soll allen Medienkritikern zum Trotz vor allem das kritische Denken fördern.

 

Vier grundlegende Aspekte, waren ihm dabei besonders wichtig:

  1. Kontrollverlust kann nicht allein durch individuelle Medien-/Digitalkompetenz aufgefangen werden.
  2. Medienkompetenz bedarf neuer „digital ökologischer Dimensionen“
  3. Mehr politische Bildung und Mut zum Diskurs!
  4. Mehr philosophisch-ethische, kulturelle Bildung und offene Fragen sind notwendig.

Handouts

Harald Gapski: Zwischen Kompetenz und Kontrollverlust – Wir in der digitalen Welt (Präsentation)

Außerschulische Pädagogik, Datenschutz, Internet / Web 2.0, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Medienbildung

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