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18.10.2017 | Nora Brockamp

DIY, MINT. Gestalten – Making in der Pädagogik

Upcycling statt Downcycling, Selbermachen statt Kaufen, Lernen durch Tun statt durch Hören und Lesen. Die Makerszene ist von Amerika nach Deutschland geweht und sie bringt frischen Wind in die Bildung. Warum das gut ist? Ein Einblick.

Mein Opa war schon Maker

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Mein Opa war ein Tüftler, wie man bei uns sagt. Zum Beispiel verstand er sich darauf, mit alten Teilen von Schrottplätzen funktionierende Fahrräder zusammenzubasteln. Die schenkte er dann mir und meinen Geschwistern – seinen Enkelkindern. Und mit großer Freude betrachtete er sein Werk und unsere Freude daran. Er betrieb bereits Upcycling, bevor es in war. Er war ein großer Fan vom Selbermachen, oder wie man heute sagt, vom DIY – Kurz für Do it Yourself (Englisch für „Mach es selbst.“).

 

Die Freude am (er-)schaffen von Dingen, am Entwickeln und Gestalten kennt jedes Kind. Mit Stolz verschenken Kinder ihre selbst gemalten Bilder. Was sie erfahren, wenn diese Bilder dann an Küchenschränken prangen und was auch mein Opa erfuhr, nennt die Pädagogik Selbstwirksamkeit: Anerkennung bekommen für etwas, das man selbst erschaffen hat. Aber das Selbermachen meines Opas hat auch eine gesellschaftliche Seite, sogar eine politische.

 

Seine kleine Bastelwerkstatt ging nachhaltig mit Ressourcen unserer Erde um und war definitiv geldbeutelschonend. Vielleicht war sie sogar Kritik am Konsum, am ständigen (Neu-)Kaufen. Die Maker-Bewegung heute tut dies auch. Sie setzt sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen auseinander und kämpft für offene Codes, Zugang zu Technik und Privatsphäre.

Was die Maker heute machen

Was mein Opa nicht hatte? Maker Spaces, Fablabs, Repair Cafés, CAD (Computer-Aided Design), Platinen, Virtual Reality und viele weitere Hilfsmittel. Was mein Opa in anderer Form hatte: Open Source. Denn das ist ein weiterer wichtiger Punkt: Mein Opa hatte immer irgendwelche Freunde, die er fragen konnte, wenn er beim Tüfteln nicht weiter wusste. Irgendwer war Ingenieur, irgendwer Elektriker, einer hatte eine Bohrmaschine mit Metallbohrern, ein anderer ein Schleifgerät.

 

Auch die Maker heute profitieren vom Wissen und der Unterstützung der anderen. In sogenannten Maker Spaces können Menschen Dinge mit analogen und digitalen Geräten, wie zum Beispiel Schneideplottern, Lasercuttern oder 3D-Druckern, bauen und gestalten. Die non-kommerzielle Version des Maker Spaces ist das Fablab. Das sind spendenfinanzierte gemeinnützige Orte, an denen LEDs, Platinen und Computer, aber auch Lötkolben und Nähmaschinen zum Ausprobieren und Erschaffen zur Verfügung stehen.

 

Die Begriffe der Makerszene klingen von außen sehr kompliziert, technisch und nicht besonders greifbar, dazu noch auf Englisch. Wenn ich an Schülerinnen und Schüler denke, mit denen ich bereits zusammengearbeitet habe, frage ich mich, wie die das hinkriegen sollen. Sie einfach auf Materialien loslassen? Warum häkeln wir nicht einfach weiter Topflappen nach Anleitung, warum basteln wir nicht weiter Origami-Würfel, warum sägen wir nicht weiter Weihnachtsmänner aus kleinen Baumstämmen und schenken diese den Großeltern zu Weihnachten?

Begreifen statt Erlesen

Bild: Pixabay, Lizenz: CC0

Lernen durch handeln. Das ist die Idee von MakerEds, EduFabs und Fablab-Bildung oder ursprünglich vom Konstruktionismus. Geräte aufschrauben und ihre Funktionsweisen verstehen, digitale Möglichkeiten mit altem Handwerk verbinden und so neue Dinge erfinden. Vor allem aber sollen Makerinnen und Maker sich Werkzeuge zunutze machen und sich Methoden aneignen, die ihnen Zugang zu Technik ermöglichen und eine Haltung in der Gesellschaft aufbauen lassen. Eine Haltung zum Umgang mit Konsum und Verbrauch der Ressourcen. 

 

Die Makerszene ermöglicht es, hinter die Plastikabdeckungen zu schauen, Technologie zu verstehen und sich zunutze zu machen. Technologie spielt eine große Rolle in unserer Wirtschaft, im Konsum, letztendlich in der Gesellschaft. Sie bestimmt Gegenwart, verändert die Zukunft und löst Probleme von Gegenwart und Vergangenheit. Natürlich können neue Technologien wie Roboter und Drohnen auch missbraucht werden, aber das müssen Kinder und Jugendliche erst durchschauen. Deshalb müssen Technologie und Technik auch Teil der Bildung des Lernens fürs Leben, sein. Der Zugang über bereits bekannte, aber auch ungewohnte Materialien ermöglicht kreative Prozesse. Formate wie Maker Days, Jugend hackt, Hackathons, verbreiten sich deshalb derzeit stark in der außerschulischen Jugendbildung.

Aber wie passt die Makerszene in die Schule?

Das jfc-Medienzentrum hat in ihrem Projekt Fablab mobil ein Vier-Phasen-Modell entwickelt, nach dem man strukturiert Lernprozesse bei Kindern und Jugendlichen ohne Maker-Erfahrung anregen kann.

 

  • Phase 1 – Einführung in eine Making-Atmosphäre (Kennenlernen von Materialien und Möglichkeiten, eigene Stärken und Fähigkeiten erkennen und einbringen) 
  • Phase 2 – Erste Schritte ins praktische Making durch Selber (nach)machen (Etwas nach einer klaren Anleitung erstellen, technische Grundlagen erlangen)
  • Phase 3 – Freies Making-Verhalten (Fähigkeiten für eigene Ideen einsetzen und umsetzen, persönliche Herausforderungen meistern)
  • Phase 4 – Reflexions- und Präsentationstätigkeiten (Produkte anderen zeigen, Erfahrungen reflektieren)

 

Zu all diesen vier Phasen hat das jfc-Medienzentrum auch praktische Methoden entwickelt, die sich in ihrem Heft „Kunst & Kabel“ (siehe unten) nachlesen lassen. Darin stehen auch viele weitere Literatur- und Projekttipps, Events und Tutorials.

Wie man Makerspaces einrichten oder Projektwochen durchführen kann, also konkrete Umsetzungsmöglichkeiten, verrät zum Beispiel auch die Ausgabe 105 der Zeitschrift „Computer+Unterricht“ (siehe unten).

Herausfordernd

Making ist eine Herausforderung für Lehrkräfte und Schulklassen. Es ist ein sich einlassen darauf, nicht von vornherein genau zu wissen, was dabei herauskommen wird. Es kann viele Lernprozesse anstoßen, welche genau diesmal erreicht werden, ist nicht immer vorher absehbar. Aber wie schon Konfuzius sagte: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“

 

Wenn ich ehrlich bin, waren die Fahrräder meines Opas auch eine dauerhafte Herausforderung. Jedes seiner Werke hatte kleine Makel. Die regelmäßig herrausspringende Kette, der alte Schlauch, den man nach zwei Wochen bereits austauschen musste oder der Riss im Sattel, dessen Polsterung sich bei jedem Regen mit Wasser vollsog und dann herauslief, wenn man sich darauf setzte. Selber machen heißt auch selber reparieren, heißt sich Herausforderungen stellen und Lösungen finden. Am liebsten optimierte mein Opa Gangschaltungen und Bremsen. Hatte er bessere Bremsen aufgetrieben, musste das Rad in seine Garagenwerkstatt und sich seinem Upcycling unterziehen. Er brauchte etwas bis er heraus hatte auf was man dabei achten muss. Diese Erfahrung brachte ihn zum vergnügten Pfeifen der immer gleichen Melodie – dem Schlumpflied.

Quellen und Literaturempfehlungen

 

Mehr Informationen zu Informatik und Robotik, Augmented und Virtual Reality sowie zu Open Content finden Sie auf den hier verlinkten Seiten.

Außerschulische Pädagogik, Informatik / Robotik, Internet / Web 2.0, Lehrkräfte, Naturwissenschaften, Open Content, Software

Christian Bader, 23.10.2017 um 13:53
Hallo,
wir, die Drais, sind mitten im Aufbau eines FabLabs für unsere Schüler. Wenn Sie sich einen ersten Eindruck verschaffen möchten: www.drais-schule.de
Ansonsten würde ich mich über eine Kontaktaufnahme sehr freuen.
Martin Ratering, 23.10.2017 um 16:53
Guten Tag Herr Bader,

anbei möchte ich Ihnen einen Beitrag zum Thema 200 Jahre Fahrrad übermitteln.

Es sind viele außergewöhnliche Bilder dabei und man sieht,
dass es unzählige und verrückte Innovationen gab.

Auch aus dem Kongo mit einem Rad aus Holz, das mit der Machete aus dem vollen Holz geschlagen wird.

Viele Angaben aus der amtlichen Statistik zum Fahrrad finden Sie zu Baden-Württemberg.

Vielleich möchten Sie einen Link darauf setzen.

http://www.statistik-bw.de/Service/Veroeff/Monatshefte/PDF/Beitrag17_06_02.pdf

Grüße Ratering
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