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24.08.2017 | Nora Brockamp

Das Merkel-Interview auf YouTube – Hintergründe und Nutzungsmöglichkeiten

Bild: Screenshot YouTube

Vier YouTuber haben in der vergangenen Woche ein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geführt. Merkels Aussagen wurden in verschiedenen Nachrichtenmedien aufgegriffen. Gleichzeitig kritisieren jedoch sowohl Medien als auch junge Menschen auf der Plattform das Interview.

 

Was vor zwei Jahren begann, wird nun weitergeführt. Nachdem die Bundeskanzlerin sich 2015 von Youtuber LeFloid (Florian Mundt) interviewen ließ, durften sich in diesem Jahr vier YouTuber mit Angela Merkel treffen. Die genau getaktete, live gestreamte Sendung wurde von den YouTubern Lisa Ruhfus und RobBubble moderiert. Einspieler zu Themeninputs kamen von der YouTuberin Nilam. Entstanden ist eine fernsehähnliche Sendung, die zwar vordergründig von YouTubern gestaltet war, jedoch mit Fernsehkameras in einem Studio umgesetzt wurde.

Die Herangehensweise

Das Unternehmen Studio71 ist ein sogenanntes Multi Channel Network, das weltweit tätig ist, und das zumindest auch ItsColeslaw dauerhaft managt. Studio 71, hinter dem der deutsche Medienkonzern ProSiebenSat.1 steht, gehört zu den größten Netzwerken der Welt.

 

Das auf Onlinevideo und Werbung spezialisierte Unternehmen fragte die YouTuber an. Diese bereiteten sich auf das Interview vor, indem sie ihre eigenen Fragen und Themen notierten. Dann kündigten sie ihr Vorhaben auf ihren Kanälen an und baten ihre Follower um deren Fragen. In einem zweitägigen Camp mit zwei erfahrenen Redakteurinnen und Redakteuren bereiteten sich die vier intensiv auf ihre Interviews vor und übten die Abläufe genau.

 

Schau man sich die Liveaufzeichnung an, wird die Professionalität des ganzen Unterfangens deutlich. Zwei bewegte Kameras fahren mit Dollys durch das hergerichtete Studio und bringen so Spannung in die einfache Interviewsituation. Dazu gibt es immer am Ende der zehnminütigen Interviews den Wechsel zu den Moderatoren, die an ihrem Pult Twitterkommentare und Onlineabstimmungsergebnisse vorlesen, die das eben besprochene aufgreifen. Darauf folgt eine letzte Möglichkeit der Kanzlerin, Stellung zu dem Thema beziehen und der Einspieler zum nächsten Interview verschafft eine Pause zum Wechseln des Interviewpartners der Kanzlerin.

 

Dieses Video gleicht also eher einem Fernsehinterview, durchgeführt von YouTubern und unterstützt von professionellen Filmschaffenden, wie man in diesem Beitrag hinter den Kulissen sehen kann.

Kritik von Medienvertretern und YouTubern

Das Ergebnis wurde sofort von verschiedenen Medien aufgegriffen und kritisiert. Die YouTuber seien zu oberflächlich vorgegangen, sie hätten ihre Chance nicht genutzt, es sei nichts Neues zu erfahren gewesen. Gleichzeitig griffen Nachrichtenmedien auf Aussagen der Kanzlerin zurück, etwa über Air-Berlin und ein angekündigtes Treffen mit Gemeinden, die große Probleme mit Abgasen der Autos haben. Es gab also anscheinend durchaus interessante Aspekte, die bisher noch nicht öffentlich diskutiert wurden.

 

Auch YouTuber sowie Fans kritisierten in Videos und Kommentaren, die Fragen seien nicht kritisch genug gewesen, man hätte sich den üblichen Themen angeschlossen, statt die Chance zu nutzen, zu provozieren oder in verschiedenen Themenbereichen tiefer nachzuhaken. Drei der vier interviewenden YouTuber haben bereits in einem Video auf diese Kritik reagiert und ihre Vorgehensweise erklärt. Hier sind die Videos von MrWissen2go, ItsColeslaw und AlexiBexi.

Pädagogischer Nutzen

Das Video dauert über eine Stunde, was nicht gerade viel Zeit zur direkten Anschlusskommunikation lässt, wenn man es in einer Neunzig-Minuten-Unterrichtseinheit einbinden möchte. Dennoch lohnt es sich aus mehreren Gründen, das Video im außerschulischen oder schulischen Gebrauch zum Gesprächsanlass zu nutzen, einzelne Teile zu schauen und tiefer zu besprechen.

 

Zunächst einmal werden in dem Interview verschiedene Themen politisch diskutiert, die als Ausschnitte in den Fächern Wirtschaftskunde und Gemeinschaftskunde oder auch als fächerübergreifenden, zielgruppennahen Einstieg in Themen der Naturwissenschaften und Technik genutzt werden können. Denn viele Jugendliche interessieren sich für YouTuber wie Ischtar Isik, AlexiBexi, MrWissen2go und ItsColeslaw. Das schafft einen Anreiz, deren Fragen und Merkels Antworten genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Auch die mediale Einordnung gibt Diskussionsstoff. Welche Rolle nehmen YouTuber ein in der heutigen Medienlandschaft? Inwiefern handelt es sich bei dem Video um ein YouTube-Video? Wurde ein für die Plattform unübliches Format verwendet oder gibt es so etwas auf YouTube nicht? Was unterscheidet YouTube überhaupt vom gängigen Fernsehen? Wurden die YouTuber von Sat1Pro7 instrumentalisiert? Fragen über Fragen und Möglichkeiten zur Medienkritik und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Medienwahrnehmung.

 

Das ganze Video können Sie hier ansehen.

 

Der YouTuber Mirko Drotschmann alias MrWissen2go hat uns vor Kurzem erst im Landesmedienzentrum Baden-Württemberg besucht und einen Input zu Thema YouTube gegen Fake News gegeben. Den Artikel zu dem Thema finden Sie hier. Einen Beitrag über Streaming-Formate finden Sie hier.

 

 

Außerschulische Pädagogik, Gemeinschaftskunde, Internet / Web 2.0, Lehrkräfte, Medienbildung, Video

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