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27.03.2017 | Christian Reinhold

Cybermobbing-Forscherin widmet sich sozialen Kompetenzen

Dr. Ruth Festl berichtet von Ihrer Forschung. Bild: Christian Reinhold/LMZ

In seinem Vortrag auf den Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik 2017 beklagte der Medienwissenschaftler Horst Niesyto, dass den massiven technischen Entwicklungen keine sonderlichen Entwicklungen im sozialen Bereich gegenüberstehen. Genau diese Problematik griff das im Anschluss vorgestellte Forschungspilotprojekt von Dr. Ruth Festl auf.

 

Dr. Ruth Festl beschäftigt sich aktuell mit sozialen Kompetenzen von Jugendlichen im Umgang mit dem Internet. Bislang forschte die in Stuttgart lebende Kommunikationswissenschaftlerin rund um die Folgen und Ursachen von jugendlichem Cybermobbing. Bei ihrem von der Uni Hohenheim und der Uni Münster getragenen Forschungsprojekt „Cybermobbing an Schulen“  begegnete sie den Herausforderungen der quantitativen Forschung.

 

Ruth Festl erklärte zu Beginn ihres Vortrages, dass es in der Forschung immer schwieriger werde, eine feste Grenze zwischen Online- und Offline-Aktivitäten zu ziehen. Jugendliche sind heutzutage praktisch „rund um die Uhr online“. Eine weitere Schwierigkeit besteht durch den raschen technologischen Fortschritt: War vor wenigen Jahren noch Facebook in aller Munde, würde es heutzutage, angesichts der Alternativen, kein Jugendlicher mehr als notwendig bezeichnen. Darüber hinaus sind die abgefragten Daten bei der Untersuchung von Mediennutzung häufig nicht zielführend. Bislang hätte die Medienwissenschaft laut Ruth Festl noch zu sehr das medienbezogene Wissen im Blick. Da das Wissen aber selten dem realen Handeln entspricht, müsse sich die Wissenschaft stärker den „konkreten sozialen Handlungskompetenzen“ widmen.

Vier Dimensionen sozialer Medienkompetenz

Deswegen widmet sich ein aktuelles Forschungsprojekt am Deutschen Jugendinstitut dem Thema „Sozialkompetenzen im Internet - ein medienpädagogisches Thema der Zukunft“. Zu den allgemeinen Handlungskompetenzen zählen neben der der Sachkompetenz (kurz „Wissen“) die Selbstkompetenz („Autonomie“) sowie die Sozialkompetenz – nötig für die „soziale Integration“. Insbesondere Letztere sollte im Zusammenhang mit der Mediennutzung weitläufig erforscht werden.

 

Ein Unterziel des neuen Forschungsprojektes lautete, Instrumente für die Messung dieser „sozialen Medienkompetenz“ zu entwickeln. Dazu musste für die Operationalisierung des Messinstrumentes die „soziale Medienkompetenz“ in vier Dimensionen aufgeschlüsselt werden:

  1. Partizipativ: Wie handele ich mit anderen gemeinsam und wie behandele ich andere im Netz?
  2. Integrativ: Bin ich in der Lage, mit anderen über mein Medienhandeln zu sprechen und meine Erfahrungen zu verarbeiten (sog. „Anschlusskommunikation“)?
  3. Vermittelnd: Kann ich mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben?
  4. Moralisch: Kann ich das eigene Handeln auf gesellschaftliche Werte und Normen zurückführen?

 

Auf Grundlage dieser Dimensionen wurde eine Matrix entwickelt, in der die soziale Medienkompetenz im Wissen („Ich weiß, dass …“), in der Motivation („Mir ist wichtig, dass …“), in den Fähigkeiten („Ich bin in der Lage…“) und im konkreten Handeln („Wenn …, dann …“) abgefragt wurde. Konkrete Fragestellungen des Fragebogens lauteten unter anderem:

  • Ich weiß, welche Gefahren es gibt, wenn ich mit anderen online rede (Wissen und Partizipation).
  • Mir ist es wichtig, online meine Meinung so zu sagen, dass niemand  verletzt wird (Motivation und Moral).
  • Ich kann anderen gut erklären, wie neue Apps oder Programme funktionieren (Fähigkeiten und Vermittlung).
  • Wenn ich online etwas Trauriges sehe, dann rede ich mit meinen Freunden oder Eltern darüber (Handeln und Integration).

Fazit: Mehr Peer-to-Peer-Projekte

Dr. Ruth Festl; Bild: Christian Reinhold/LMZ

Insgesamt wurden in der Pilotstudie über 800 Schülerinnen und Schüler mithilfe eines Pen&Paper-Fragebogens befragt. Die Teilnehmer/-innen konnten mit den Werten eins bis vier ihre Zustimmung zu oben genannten Fragestellungen ausdrücken. Zu den quantitativen Ergebnissen zählte, dass die partizipative und moralische Dimension bei den Befragten mehr Zustimmung erlangte, als die integrative und vermittelnde Dimension. Grund dafür ist laut Ruth Festl, dass sich integrative Kompetenzen als ein schwieriges Konstrukt erweisen: Jugendlichen konzentrieren sich beim Thema „Anschlusskommunikation“ auf ihre Freunde und nicht auf ihre Eltern oder Verwandte. Auch die soziale Erwünschtheit kann eine Rolle für die Ergebnisse spielen. Bei der Abfrage moralischer Sozialkompetenzen würden die Probanden eher die sozial erwünschten Verhaltensweisen befürworten. Folglich muss man bei einer Anschlussstudie auch Fremdevaluationen von Eltern oder Freunden durchführen und stärker jüngere Zielgruppen berücksichtigen, da diese sich noch vor oder im Erwerb von sozialen Medienkompetenzen befindet. Zu den Schlussfolgerungen der Studie zählten, dass

  • Wissen nicht (immer) zu Handeln führt. Motivationen und Fähigkeiten beeinflussen darüber hinaus, welche Kompetenzen erworben werden.
  • Handeln den Jugendlichen leichter fällt, als über das Handeln zu kommunizieren. Das Kommunizieren ist aber wichtig, um eigenes Handeln zu reflektieren und Kompetenzen auszubauen.
  • digitale Bildung stärker die kommunikativen Kompetenzen im Blick behalten soll, da nur diese zu einer sozialen Medienkompetenz führen.

Für die medienpädagogische Praxis bedeutet dies, sich stärker Peer-to-Peer-Projekten zu widmen, da hierbei insbesondere die Anschlusskommunikation gefördert wird.

 

Das Landesmedienzentrum bietet mit dem Schüler-Medienmentoren-Programm  für Schulen ein Peer-to-Peer-Projekt an. Jährlich werden rund 600 Jugendliche im Bereich aktive Medienarbeit (Module: Print, Audio, Video, Präsentation) und in Themen des Jugendmedienschutzes (Soziale Netzwerke, Cybermobbing, Smartphone und Handy, Urheberrecht und Datenschutz) ausgebildet. Die Schüler/innen erwerben im SMEP-Kurs Gruppenleitungs- und Moderationskompetenzen sowie Kenntnisse in Konflikt- und Projektmanagement. Sie sollen nach ihrer Ausbildung Angebote für Mitschüler/innen machen, z.B. Informationsangebote für die sechsten Klassen, eine Computer-Sprechstunde, eine Medien-AG oder ein kleineres Projekt.

Interview mit Dr. Ruth Festl

Außerschulische Pädagogik, Lehrkräfte, Medienbildung, Studierende, Tagungsdokumentation

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