MediaCulture-Online Blog

30.05.2016 | Ingrid Bounin

„Computerkinder sind gesünder als ihr Ruf“

Es ist schon ein Wahnsinn, was sich derzeit in unserer Gesellschaft hinsichtlich der Digitalisierung tut. Arbeitsprozesse, Lehr- und Lernformen, Alltagsorganisation, Unterhaltung und Information – nichts und niemand bleibt von der Digitalisierung ausgenommen. Da kommt das Buch „Digitale Hysterie“ von Georg Milzner, Psychologe und Psychotherapeut, gerade recht. Er hat den Anspruch, mit klaren und geordneten Informationen „aus dem Katastrophendenken und den Sorgenschleifen“ hinsichtlich der „Computerisierung“ herauszukommen.

 

Und: das gelingt ihm sehr gut. Unaufgeregt, klug und durchdacht, mit Beispielen aus der eigenen therapeutischen Praxis anschaulich und gut verständlich, dabei die Sorgen vor allem von Eltern ernst nehmend, durchleuchtet er mögliche Folgen der medialen und digitalen Entwicklung.

Gerüstet für das, was kommt

Er stellt von Anfang an klar: „Meine Grundannahme ist die, dass die Kinder und Jugendlichen, die heute so begeistert Bildschirmspiele spielen, bei Facebook unterwegs sind und medialen Möglichkeiten nutzen, zum Großteil keineswegs degenerieren, sondern sich vielmehr für eine Zukunft rüsten, die weit über den heutigen Stand hinaus von der digitalen Technologie geprägt sein wird“. Und er geht noch weiter: „Wer sich heute mit diesen Medien vertraut macht, rüstet sich nicht nur für das, was ist, sondern vor allem für das was kommt…. Was heute wie ein Störungsbild wirkt, kann morgen eine Kernkompetenz sein“.

 

Georg Milzner geht dabei von Fällen in seiner Praxis sowie von oft geäußerten Elternfragen aus. In seiner Praxis begegnet der Psychologe etwa dem neunjährigen Franz, der Ego-Shooter spielt und davon Alpträume bekommt. Die Eltern merken zwar, dass ihn etwas quält, wissen aber nicht was. Und sie wissen schon gar nicht, dass er an das Spiel über seinen älteren Bruder dran gekommen ist, das erzählt er erst dem Therapeuten. Und der hilft ihm den „Ausknopf“ für solche Spiele zu finden. Übrigens offenbar anhand eines einfachen Vergleichs:

 

„Ich frage ihn, ob er das Spiel denn weiterspielen wolle. Sei das nicht ungefähr so, als würde man Essen weiteressen, von dem man schreckliche Magenkrämpfe bekomme. Er wolle es nicht mehr spielen, sagt Franz“. (S. 26)

Computer machen uns nicht dümmer, aber sie verändern uns

Oder der 17-jährige Marco, der so exzessiv am Bildschirm spielt, dass er von sich selbst sagt, er habe den Eindruck „sein Leben zu versauen“. Der Autor schreibt dazu:

 

„Ich habe mit Marco viel darüber nachgedacht, was sich durch die Computer eigentlich für uns verändert, und ob wir selbst dabei andere werden. Die Antworten fallen ganz unterschiedlich aus… Was jedoch alle miteinander leicht nachvollziehen können: Wie wir leben und was wir tun, entscheidet über den Bau unseres Gehirns und damit über den Ausbau unserer Kompetenzen….Die Antwort auf die Frage, ob Computer uns dümmer machen, lautet also: Nein, keineswegs. Aber sie verändern uns“. (S. 59 und S. 63).

 

Und er ergänzt, dass die Intelligenz unserer Kinder anders geformt sein wird, als uns das vertraut ist, dass dies aber kein Fehler sein müsse, denn auch die Welt werde ja gleichfalls eine andere sein als bisher.

Selbstversuch in der Welt der Spiele

Georg Milzner; Bild: Rita Honrado/Beltz Verlagsgruppe

In der Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten von Marco (und anderen) unterzieht sich Georg Milzner auch einem Spiele-Selbstversuch. Er erkundet verschiedene Genres der digitalen Spiele, schießt, fährt Rennen, pflegt Tiere und baut Städte. Diesen Tipp gibt er übrigens auch Eltern: verurteilen Sie nicht von vorne herein das Spielen an Bildschirmen ohne sich für die Faszination, die Ihr Kind erlebt, zu interessieren und – noch besser – das so heiß geliebte Spiel und das kommunikative Drumherum selbst kennenzulernen. Georg Milzner heißt übrigens keinesfalls alle Spiele oder das Spielen per se für gut, er plädiert jedoch für einen wachen, vor allem für einen differenzierten und einen möglichst gelassenen Blick darauf.

 

„Wer sich auf die Welt der Spiele einlässt, macht unter Umständen ganz andere Erfahrungen, als zuvor angenommen. Mancher Berg von Besorgnis wird sich so vielleicht abtragen lassen, insbesondere wenn anteilnehmende Erwachsene mit dem am Computer spielenden Kind dann auch noch Austauschmöglichkeiten finden und so das kommunikative Miteinander nicht vernachlässigt wird. Eine andere Sorge allerdings bleibt. Und die betrifft den Körper, die Bewegung und die frische Luft“. (S. 86)

 

Zurück zu Marco: In einigen Gesprächen wurde ihm schließlich der Unterschied zwischen Gewohnheit, Leidenschaft und Sucht klar und er konnte seine Begeisterung für digitale Spiele schließlich in eine Perspektive verwandeln. Er schaffte das Fachabitur und steuerte ein Studium an, das das Programmieren von Spielen beinhalten sollte.

 

An diesen Beispielen wird freilich klar, dass es in manchen Fällen für Eltern Sinn macht, sich professionelle Hilfe zu holen. In vielen Fällen aber, und das zeigt der Psychologe im Buch, können Eltern selbst Antworten auf Fragen finden und Probleme bewältigen.

Was schadet, was nutzt?

Studien, die es zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gibt (z.B. die JIM-Studie), oder jene, die Manfred Spitzer zum Beispiel in seinem Buch „Digitale Demenz“ nennt, bürstet Milzner gleichsam gegen den Strich und hinterfragt Befunde bzw. die Herangehensweise und Fragestellungen.

 

Die vielen Fragen der Eltern und Pädagogen nimmt Milzner sehr ernst. Also zum Beispiel:

  • Was an und in den digitalen Medien schadet und was nutzt?
  • Was müssen Kinder und Jugendliche lernen? Und lernen sie mit digitalen Medien nicht das Falsche? Oder machen sie uns alle schleichend dümmer?
  • Wann wird die Computer- und Internetnutzung problematisch? Ab wann spricht man von Sucht?
  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalt?
  • Wie verändern sich unsere Beziehungen?
  • Was passiert mit unserer Sprache durch den steigenden Gebrauch digitaler Medien?

Die Antwort auf viele dieser Fragen sieht Milzner in „Information und Beziehung“. Informationen helfen, dass Eltern und Pädagogen einschätzen können, wie sie hinsichtlich der digitalen Medien mit Kindern und Jugendlichen umgehen können und was für sie „wirklich gut ist“. Derart gerüstet falle es Eltern und Pädagogen sicher auch leichter, aus der „chronischen Alarmbereitschaft“ herauszukommen und vertrauensvolle Beziehungen zu pflegen oder aufzubauen, die Gespräche über die Mediennutzung sowie über entsprechende Vereinbarungen erst ermöglichen. Der wichtigste Rat an Eltern und Pädagogen lautet: „Anteilnahme und mediale Mischkost“.

Ungeteilte Aufmerksamkeit und Feedback

Gleichzeitig benennt Georg Milzner auch die Probleme, die mit der zunehmenden Mediennutzung einhergehen können – nicht zwangsläufig müssen. Dazu gehört etwa suchtartiges Verhalten zum Beispiel mit dem Smartphone oder auch mit digitalen Spielen. Dazu gehört, dass Kinder inzwischen zu wenig Naturerfahrung machen bzw. draußen spielen. Dazu gehören gewalthaltige und sexualisierte Inhalte. Und dazu gehören auch neue Herausforderungen für Kommunikation und Beziehungen, die sich erst durch die Allgegenwart der digitalen Geräte vermehrt stellen. All diesen Aspekten widmet Milzner jeweils mindestens ein Kapitel, in dem Informationen zusammengetragen und schließlich thesenartig Lösungsansätze präsentiert werden.

 

Sehr praxisnah sind beispielsweise die Hinweise in Sachen Aufmerksamkeitslenkung. Milzner rät zur Entwicklung einer ganz persönlichen Aufmerksamkeitsethik: „Kläre, wer für dich die wichtigsten Menschen sind…Drängende Signale wie Klingeltöne haben die Tendenz, alles gleichermaßen wichtig erscheinen zu lassen. Und die Vergegenwärtigung einer eigenen Hierarchie macht dann unmittelbar deutlich, dass eben nicht jeder Anruf (Anmerkung von mir: oder jede App) gleich wichtig ist…Die wichtigsten Menschen bekommen auch die meiste Aufmerksamkeit. Die meiste Aufmerksamkeit bedeutet ungeteilte Aufmerksamkeit“. (S. 167)

 

Und schließlich hält er eine gerade für Eltern beruhigende These bereit: Die meisten Probleme lassen sich mit Zuwendung, Aufmerksamkeit, vertrauensvollen Gesprächen und echtem Interesse an Kindern und ihrem digitalen Tun lösen. Darüber hinaus ist es hilfreich, das eigene Verhalten mit den digitalen Medien und Inhalten daraufhin zu überprüfen, ob es als Vorbild taugt.

 

Kinder und Jugendliche brauchen Feedback zu ihrem Tun (nicht nur in der digitalen Welt). Der Wunsch danach ist einer der Gründe, warum sie sich so viel und oft unbedacht in Sozialen Medien präsentieren und aufhalten. Sie benötigen alternative sinnlich-erfahrbare Angebote in der konkreten Welt und Unterstützung und Begleitung in der virtuellen. Und schließlich: „Computerkinder sind … meiner Einschätzung nach sehr viel gesünder als ihr Ruf. Möglicherweise werden sie auf Dauer sogar… gesünder sein als die, die von den neuen Medien komplett ferngehalten werden. Denn wie bei einem Bakterium können sie Resistenzen nur durch Auseinandersetzung bilden“.

 

Georg Milzner, Digitale Hysterie, Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Weinheim 2016.

 

Hinweise zu Beratungsstellen zur Mediensucht finden Sie hier: www.lmz-bw.de/beratung.html

Außerschulische Pädagogik, Computerspiele, Eltern, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Medienbildung, Smartphone / Tablet

MediaMan, 03.06.2016 um 13:04
Eine Möglichkeit für Eltern, die "Games"-Welt ihrer Kinder kennenzulernen, bietet die Computerspielschule am Stadtmedienzentrum Stuttgart immer Freitag Nachmittags.

http://www.lmz-bw.de/landesmedienzentrum/news-einzelansicht/article/computerspielschule-stuttgart-ein-angebot-fuer-kinder-jugendliche-und-erwachsene.html
Kommentar hinzufügen

* = Pflichtfeld

*
*
*

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*