MediaCulture-Online Blog

26.06.2015 | Sascha Schmidt

Twitch – Jugendschutz Fehlanzeige

Bild: download.net.pl, Lizenz: CC BY-ND

Sogenannte Let’s Play-Videos gehören für Heranwachsende zu den populärsten Unterhaltungsangeboten auf YouTube. In den Videos führen die Akteure das Spielen eines Videospiels vor und kommentieren dabei das Spielgeschehen. Seit einigen Jahren existiert nun sogar eine eigens entwickelte Plattform für solche Videos: Twitch nennt sich dieser Dienst und erfreut sich in der Gaming-Szene immer größerer Beliebtheit.

Let's Play-Videos in Echtzeit

Twitch ist kostenlos als App für mobile Endgeräte, als Browser-Version und als Anwendung für die aktuellen Spielekonsolen der Xbox- und Playstation-Reihe verfügbar. Auf Twitch spielen angemeldete Nutzer/innen Videospiele, kommentieren diese und haben dabei teils mehrere zehntausend Zuschauer/innen. Die Videos ähneln grundsätzlich den populären Let’s Play-Videos auf YouTube – ein zentraler Unterschied liegt allerdings darin, dass die Videos nicht aufgezeichnet wurden, sondern die Nutzer/innen das Spielgeschehen live und in Echtzeit ins Internet streamen. Vielfach filmen sich die Spieler/innen auch selbst dabei, sodass man sie in einem kleinen Extra-Fenster live beobachten kann. Über einen Chat kommunizieren sie zudem zeitgleich mit den Zuschauer(inne)n.


Neben dem Echtzeit-Charakter liegt ein weiterer Unterschied zu den Let’s Play-Videos auf YouTube im Aufbau der Plattform: Twitch sortiert seine Kanäle nach Spielen. Wenn sich Nutzer/innen also für einen Stream des Sportspiels FIFA 15 interessieren, so können sie dieses aus einer Liste auswählen und bekommen anschließend alle Streaming-Kanäle angezeigt, auf denen im Moment FIFA 15 gespielt wird.


Eine eigene Live-Übertragung sowie die Nutzung des Chats sind bei Twitch nur nach vorheriger Anmeldung möglich. Dies geschieht schnell und einfach über ein Facebook-Konto oder alternativ mit einem separat angelegten Twitch-Konto. Für das reine Anschauen der Streams ist keine vorherige Anmeldung nötig.

Steigende Nutzerzahlen

Twitch ging bereits im Jahr 2011 online und die Zahl der Nutzer/innen stieg in den letzten Jahren enorm. Im Jahr 2014 nutzten monatlich weltweit bereits über 1,5 Millionen Spieler/innen das Portal zum Übertragen eines Spiel-Streams. Die Zuschauerzahlen belaufen sich mittlerweile sogar auf über 100 Millionen pro Monat. Der Erfolg der Plattform sorgte dafür, dass Amazon den Dienst Ende 2014 für knapp 1 Milliarde US-Dollar übernahm.

Unzureichender Jugendschutz

Screenshot von Twitch.tv: Live-Stream des Spiels GTA V (ohne Jugendfreigabe)

Das Angebot von Twitch ist äußerst umfangreich und es gibt nahezu kein Spiel, das nicht auf der Plattform konsumiert werden kann. Doch hierin liegt auch eine entscheidende Problematik: Es fehlt dem Portal an zuverlässigen und konsequenten Jugendschutzmechanismen. In Deutschland unterliegen Videospiele grundsätzlich der gesetzlich verpflichtenden Alterskennzeichnung durch die USK, bei Twitch finden diese Alterskennzeichnungen jedoch kaum Beachtung. Sämtliche Streamingkanäle und damit auch Spiele ohne Jugendfreigabe („Ab 18“-Spiele) können ohne vorherige Anmeldung und Altersverifizierung angesehen werden. Ursache hierfür ist, dass das Unternehmen seinen Sitz in den USA hat und damit grundsätzlich den amerikanischen Jugendschutzrichtlinien unterliegt. Zwar änderte Twitch erst im Mai 2015 seine Regeln zum Jugendschutz und verbietet seit neuestem Spiele, die von der amerikanischen ERSB (Entertainment Software Rating Board – entspricht der deutschen USK) mit „adult only“ gekennzeichnet wurden. Problematisch ist allerdings, dass kaum ein Spiel in den USA diese Alterskennzeichnung erhält. Nicht einmal das beliebte, aber sehr umstrittene GTA V erhielt die Kennzeichnung. In Amerika wird diese in den meisten Fällen nämlich nur dann in Erwägung gezogen, wenn viel nackte Haut und sexuelle Anspielungen im Spiel auftauchen. Gewalttätige und -verherrlichende Inhalte erhalten in Amerika jedoch meist eine Freigabe ab 17 Jahren. Kurzum: Nahezu alle „Ab 18“-Videospiele in Deutschland sind von dieser Änderung nicht betroffen und können weiterhin problemlos über Twitch konsumiert werden. Eine funktionierende Möglichkeit für Eltern, bestimmte Streams innerhalb des Dienstes zu blockieren, gibt es (noch) nicht. Ähnliches gilt auch für YouTube: Auch hier können Let’s Play-Videos der meisten „Ab 18“-Spiele ohne größere Hürden angesehen werden. In Kürze startet YouTube sogar eine eigene Videospielsparte namens YouTube Gaming. Diese soll ähnlich wie Twitch funktionieren. Inwiefern die Jugendschutzrichtlinien hierbei umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

Spenden bei Twitch

Screenshot von Twitch.tv: Spenden via PayPal in der Browserversion

Eine weitere Problematik bei Twitch ergibt sich durch die integrierte Spendenfunktion. Zuschauer/innen können ihren favorisierten Streamern während und auch nach dem Livestream eine beliebige Summe an Geld „spenden“. Dies funktioniert über ein PayPal-Konto, welches mit Twitch verknüpft werden kann. Der Reiz dieser Spendenfunktion liegt vor allem darin, die Streamer während der Übertragung auf sich aufmerksam zu machen. Am unteren Bildschirmrand wird während der Übertragung so stets gut sichtbar eingeblendet, wer gerade welchen Betrag spendet. Viele Streamer lesen hierbei zusätzlich noch die Namen der Spender vor, so auch beispielsweise der bekannte und erfolgreiche Let’s Play-Künstler Gronkh. Dies scheint gerade für junge Fans genügend Anreiz zu bieten, die Funktion zu nutzen. Bei bekannten Streamern gehen so zu abendlichen Sendezeiten beinahe sekündlich neue Spenden ein, die von einem Euro bis hin zu teils dreistelligen Beträgen reichen. Somit können sich finanzielle Risiken für Heranwachsende ergeben, die über die Zugangsdaten des elterlichen PayPal-Kontos oder sogar über ein eigenes Konto verfügen.

Das Videospielverhalten der Kinder mitgestalten

Bild: Melanie Holtsman, Lizenz: CC BY-NC

Aus Elternsicht ist es ratsam, den Videospielkonsum der Heranwachsenden gerade in jungem Alter aktiv mitzugestalten. Die Möglichkeiten beginnen hierzu bereits mit dem Kauf einer Spielekonsole, denn nicht jede Konsole ist unter Aspekten des Jugendmedienschutzes gleich empfehlenswert. Kinder orientieren sich bei der Entscheidung häufig am Freundeskreis. Eltern sollten jedoch wissen, dass man je nach Gerät den Jugendschutz unterschiedlich gut oder schlecht technisch einstellen kann. Auch das Spieleangebot variiert je nach Gerät: So gibt es für die Nintendo Wii (und Wii U) deutlich mehr kindgerechte Titel (und keinen Zugriff auf Twitch), als für eine Sony Playstation 4. Gerade bei Kindern im Grundschulalter sollte die Konsole dann an einem Ort stehen, wo Eltern sie im Blick behalten können – also besser im Ess- oder Wohnzimmer anstatt im Kinderzimmer. Auf diese Weise können Eltern Einfluss darauf nehmen, was und wie lange gespielt wird und welche Angebote über Streaming-Dienste wie Twitch konsumiert werden.


Bei mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets der Heranwachsenden haben es Eltern dagegen deutlich schwerer, die abgerufenen Inhalte zu überprüfen. Die Versuchung, heimlich oder bei Freunden auch nicht altersgerechte Spiele zu konsumieren, ist für Kinder besonders groß. Dagegen helfen nur klare Absprachen und Regeln, deren Einhaltung überprüft werden muss, etwa wenn es darum geht, welche Spiele konsumiert werden oder wo die mobilen Geräte nach der Schlafen-Gehens-Zeit aufbewahrt werden. Eltern sollten abwägen, ob Dienste wie Twitch auf den mobilen Endgeräten mit Hilfe von Filter-Software blockiert werden sollten. Es ist jedoch ratsam, solche Entscheidungen in Absprache mit dem Kind zu treffen, um Transparenz für die Kinder herzustellen und ihnen zu erklären, warum man die Nutzung eines bestimmten Dienstes nicht ermöglichen will.


Mehr zum Thema Computerspiele finden Sie hier.

Außerschulische Pädagogik, Computerspiele, Eltern, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte

Kai K, 18.11.2016 um 16:24
Bei der ganzen Diskussion über Jugendschutz im Internet muss man eines bedenken: Das Internet ist riesig. Wenn man auf Seiten wie twitch eine Altersbeschränkung einführt, suchen sich die Leute eine andere Plattform. Man müsste eine Altersbeschränkung für das GANZE Internet einführen und das wird nicht möglich sein.
Und nun zu ihren Worten zu Gronkh:
Anscheinend wurde sich nicht über ihn informiert. Klar liest er Namen vor. Aber er betont auch immer wieder, dass man ihm wenn überhaupt nur kleine Beträge spenden sollte und er die Spendenfunktion nur dafür aktiviert hat für die Leute die ihm was zurück geben wollen.
Natürlich gibt es unter Twitch-Nutzern schwarze Schafe. Es gibt z.B. Frauen die gerne mal sexy posieren wenn sie Spenden erhalten. Aber anscheinend hat man einfach nur nach einem großen deutschen Let's Player geschaut und ihn einfach als Beispiel genommen. Das geht meiner Meinung nach garnicht.
Sascha Schmidt, 21.11.2016 um 16:16
Lieber Kai K, herzlichen Dank für Ihren Kommentar, zu dem ich gern Stellung nehme.
Ihr Argument, dass die Einführung von Jugendschutz-Richtlinien im "ganzen" Internet unmöglich sei, darf das Internet nicht zu einem rechtsfreien Raum verkommen lassen. Natürlich gibt es neben Twitch unzählige weitere Webangebote, die wichtige Jugendschutz-Richtlinien missachten. Dieser Umstand darf den entsprechenden Anbietern jedoch keine Narrenfreiheit (passend zur Jahreszeit) bieten.
Bzgl. Gronkh kann ich Ihnen mitteilen, dass ich selbst gern seine Videos/Streams verfolge, weil sie mich oft einfach gut unterhalten. Die Behauptung, dass ich mich nicht über ihn informiert habe, halte ich in diesem Fall also für nicht zutreffend.
Natürlich gibt es neben Gronkh noch zahlreiche andere bekannte Gesichter im Twitch/Youtube-Universum. Da Gronkh gemessen an seinen Abonnenten-Zahlen zumindest im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht, bietet er sich als bekanntes Beispiel an. Dass Gronkh in seinen Videos/Streams das Spenden als Geste beschreibt, wie Fans ihm etwas zurückgeben können, ist aus Marketingsicht völlig nachvollziehbar. Ich persönlich habe zumindest selten bis nie erfolgreiche Let's Player gesehen, die ihre Fans auffordern mit: "Los, gebt mir euer Geld!"
Kommentar hinzufügen

* = Pflichtfeld

*
*
*

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*