MediaCulture-Online Blog

20.11.2013 | Ann-Kathrin Stoltenhoff

Medienbildung im Kunstunterricht

Bild: Dominic Alves, Lizenz: CC BY

Ästhetische Erziehung 2.0: Zeitgemäßer Kunstunterricht mit und über Medien

„Aktuelle Kunst kommt im Unterricht ungefähr so oft vor wie aktuelle Medien: selten.“

Prof. Dr. Torsten Meyer, 2006

 

Der Kunstunterricht sieht sich immer schon mit unterschiedlichsten Erwartungen und Vorurteilen konfrontiert. Das liegt in der Natur der Sache, denn Kunst nimmt zur bürgerlichen Gesellschaft, in der das Schulsystem eine wesentliche Funktion erfüllt, eine oft gegensätzliche, mindestens aber kritische Position ein. Im Kunstunterricht gelten deshalb zu Recht andere Regeln als im Mathe- oder Deutschunterricht – was nicht heißt, dass es hier nicht sehr viel zu lernen gibt. Ein zentraler Bestandteil des Kunstunterrichts sind Bilder. Und anhand der Geschichte von Bildern möchte ich aufzeigen, dass und wie zeitgemäßer Kunstunterricht die Auseinandersetzung mit den neuen, digitalen Medien in unterschiedlichster Art und Weise möglich und notwendig macht.

Das Bild in Kunst und Gesellschaft

Bilder erfüllen wichtige symbolische Funktionen, das bewegte Bild gilt sogar als das „Leitmedium des 21. Jahrhunderts“ [1]. Bilder, seien sie nun künstlerischer, werblicher oder alltäglicher Art, transportieren Werte, Normen und im wahrsten Sinne des Wortes auch Weltanschauungen. Sie können darstellen, abbilden, entwerfen und entstellen. Bilder fungieren deshalb genau wie Buchstaben als Zeichen und ermöglichen uns die kommunikative Auseinandersetzung mit uns selbst, der Umwelt und anderen. Natürlich können Bilder manipulieren – und seit der Möglichkeit ihrer Digitalisierung sind sie selbst höchst anfällig für Manipulationen. Neben der Abbildungsfunktion dienen Bilder, seien es nun Gemälde, Grafiken, Fotografien oder Filme, der überzeichneten Darstellung des Realen, des Möglichen und Unmöglichen (vorzugsweise in Kunst und Kino). Sie unterstützen unsere Erinnerung (Urlaubsfotografie, Ahnenportraits), dienen der Vermarktung (Werbung), der Orientierung (Piktogramme) und letztlich auch der Bildung.

 

Im 19. Jahrhundert wurde die Fotografie erfunden, wenig später lernten die Bilder laufen – Foto- und Filmkamera waren technisch-künstlerische Revolution von immenser gesellschaftlicher Bedeutung. Die technischen, damals noch analogen Medien veränderten nachhaltig unsere Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten. Trotzdem oder gerade deshalb mussten sie lange um die Anerkennung als Kunstform kämpfen und werden bis heute im Kunstunterricht vernachlässigt. Das liegt zum einen an einer imaginären Grenze zwischen künstlerischen und Massenmedien, die schon in den 1920er Jahren für Diskussion sorgte. Damals nutzen Avantgardekünstler die neuen Möglichkeiten von Film und Fotografie und erfanden neue Bildsprachen. Gleichzeitig nutzte die Avantgarde weiterhin traditionelle künstlerische Medien wie Malerei, Druckgrafik und Skulptur. Es entstanden multimediale Kunstwerke, die bis heute weitestgehend unbekannt sind, aber wegweisend für eine zunehmend mit Medien agierende Gesellschaft.

 

Das von Herbert Hossmann als „Konfliktfeld“ beschriebene Verhältnis von Kunst und Medien [2] erscheint heute umso absurder, als sich immer mehr zeitgenössische Kunst auf mediale Ereignisse und Techniken bezieht, denn der Status des Bildes hat sich mit seiner Digitalisierung grundlegend verändert: Es taucht heute nicht mehr nur im Museum oder den klassischen, analogen Leitmedien auf – inzwischen macht es einen wesentlichen Teil der Inhalte des Internet aus, füllt ganze Plattformen mit (individuellen) Filmen, Fotos und Grafiken. Diese massenhafte Verbreitung von Bildern – von der Kulturwissenschaft als sog. iconic turn bezeichnet [3] – beschreibt ein Phänomen, das im Kunstunterricht bis dato weitestgehend ausgeblendet wurde, „obwohl […] Kunst das einzige Fach in der Schullandschaft ist, das sich mit dem Bild als Bild auseinandersetzt“ [4], so Henning Freiberg. Zeitgemäße Kunstpädagogik muss deshalb neben der Auseinandersetzung mit Bildern, deren Kunststatus allgemein anerkannt ist, auch die Entwicklung hin zu einer multimedialen Kunst- und Medienlandschaft nachzeichnen, deren Grenze zu den Massenmedien immer durchlässiger wird. Erst dann kommt sie den Ansprüchen einer zukunftsorientierten, der aktuellen und künftigen Lebens- und Arbeitswelt angemessenen Pädagogik nach, die sich durch die Anschlussfähigkeit der Unterrichtsinhalte an die multimedial geprägte Umwelt der Schülerinnen und Schüler auszeichnet.

 

Ästhetische Bildung mit und über Medien

Lehr-Lern-Prozesse können nirgends so frei und kreativ gestaltet werden wie im Kunstunterricht – eine ideale Voraussetzung für die Integration mediendidaktischer und medienerzieherischer Ansätze. Medienintegrativer Unterricht unterscheidet zwischen der Nutzung neuer Medien/Technologien als methodischem Mittel (= Mediendidaktik) und Medien/Technologien als Inhalt und Gegenstand des Unterrichts (= Medienerziehung). Im Kunstunterricht sollte und kann beides miteinander verbunden werden, denn Kunst ist vielfach selbstreferentiell, behandelt also nicht nur wichtige Themen wie Körper, Liebe, Politik, Natur oder Tod, sondern auch das Verhältnis von Medium, Botschaft, Dargestelltem und Darstellungstechnik. Insbesondere die zeitgenössische Kunst fragt nach ihrem eigenen Sinn und Zweck und analysiert kritisch vergangene und gegenwärtige künstlerische Konzepte.

 

In einer zunehmend komplexen und von Medien geprägten Gesellschaft, ist es Aufgabe der Schule, auf diese Komplexität vorzubereiten und im Kunstunterricht neben herkömmlichen auch neue digitale Techniken zu rezipieren und zu produzieren. In der Auseinandersetzung mit Fotografie, Film und Video können Schülerinnen und Schüler die Welt wie in einer Laborsituation untersuchen und diskutieren. So kann die Analyse zeitgenössischer Kunst und Populärkultur Transformationen des Welt- und Selbstverhältnisses fördern und Bildungsprozesse ermöglichen.

Anregungen für multimedialen, medienintegrativen Unterricht

Die Konzeption und Vorbereitung medienintegrativen Kunstunterrichts ist kein Hexenwerk. Was sich ändert, ist die inhaltliche und methodische Ausrichtung. Unterschiedliche Medienformate lassen sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen kombinieren, die für die jeweilige Klassenstufe geeignet sind. Anregungen dafür bietet die zeitgenössische Kunst ausreichend und variantenreich. Durch die Kombination unterschiedlicher Medien, Techniken und Geräte, die sich mit einem Thema befassen, erlernen die Schüler/-innen verschiedene gestalterische Prinzipien und medienspezifische Darstellungsmöglichkeiten und -grenzen kennen.

 

Ein klassisches Thema der traditionellen und zeitgenössischen Kunst ist beispielsweise der Körper. Mittels Frauendarstellungen unterschiedlicher Epochen (z. B. von Botticelli, Picasso, Man Ray, Cindy Sherman und Marina Abramovic) können wir zeigen, wie sich Techniken und Vorstellungen vom idealen Körper mit der Zeit verändern. Klassische Kunstwerke können popkulturellen Bildern aus Modemagazinen und Fernsehsendungen wie Germanys Next Topmodel gegenüber gestellt werden. Dadurch wird es den Schülerinnen und Schülern möglich, ein tieferes Verständnis für Formensprache zu entwickeln, ein kritisches Bewusstsein gegenüber medialen Inszenierungen auszubilden und Merkmale von Kunst und Massenmedien zu definieren.

 

Neben der Analyse von Kunst und Medien ist die eigene gestalterische Arbeit ein wichtiger Baustein im Unterricht. Kurzfilmprojekte eignen sich hervorragend, um aktiv zu erproben, welche unterschiedlichen Prozesse und aktiven Entscheidungen einem medialen Produkt vorangehen. Die Texte von Alain Bergala sind hier wegweisend und zeigen, wie einfach und produktiv Filmbildung an der Schule umgesetzt werden kann [5]. Medienprojekte fördern neben ästhetischen und medialen Kompetenzen außerdem die Fähigkeit der Schüler/-innen, sich im Team zu organisieren, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Techniken sinnvoll einzusetzen. Ihr kritisches Bewusstsein für mediale Inhalte und Wirkungsweisen wird gestärkt, indem sie Filme und Fotos nicht nur analysieren, sondern in der Praxis deren Entstehen nachvollziehen.

Schwierigkeiten und Chancen von Medien im Kunstunterricht

Lernen mit und über Medien ist vielschichtig, anregend und entspricht den Anforderungen unserer Gesellschaft. Die Nutzung digitaler Technik sollte dabei keine Hürde darstellen, denn meist kann auf vorhandene Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen zurückgegriffen werden. Für viele Schülerinnen und Schüler ist medienintegrativer Unterricht eine der seltenen Chancen, brachliegende Kenntnisse, die in Schule oder Elternhaus wenig Beachtung finden, einzubringen und daraus positive Motivation zu ziehen. Kunstpädagog/-innen sollten neue und alte Medien nutzen, um gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen einen kreativen und kritischen Kunstunterricht zu gestalten, der sie auf eine ungewisse, aber mit Sicherheit von Medien geprägte Zukunft vorbereitet.

Zur Autorin:

Ann-Kathrin Stoltenhoff arbeitete nach ihrem medienwissenschaftlich ausgerichteten Hochschulstudium der Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte an eigenen Forschungsprojekten sowie freiberuflich im Journalismus und als Medienpädagogin. Sie war als Referentin am Landesmedienzentrum tätig und arbeitet jetzt als Projektkoordinatorin an der Hochschule Heilbronn.

Bild: Jennifer Räpple

Hier finden Sie alle Informationen zum Bildungsplan 2016 und zur Umsetzung der Leitperspektive Medienbildung im Fach Kunst/Werken in der Grundschule sowie im Fach Bildende Kunst in der Sekundarstufe I und im Gymnasium.

Quellen

[1] Müller, Ines/Landesmedienzentrum Baden-Württemberg: Filmbildungscurriculum. Stuttgart 2011, S. 1. [zurück]

[2] Hossmann, Herbert: Vorwort, S. 1. In: Vorkoeper, Ute / Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK): Hybride Dialoge – Kunstausbildung in der Medienkultur, Heft 125/2005, S. 1/2. [zurück]

[3] Boehm, Gottfried: Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, Gottfried: Was ist ein Bild? München 1994, S. 11–38. [zurück]

[4] Freiberg, Henning: Medien – Kunst – Pädagogik. Anstöße zum Umgang mit Neuen Medien im Fach Kunst. In: Kunst + Unterricht, Heft 230/231/1999, S. 23-29. [zurück]

[5] Bergala, Alain/Henzler, Bettina/Pauleit, Winfried et al. (Hrsg.): Kino als Kunst. Filmvermittlung an der Schule und anderswo. Marburg 2006. Ebenso: Henzler, Bettina/Pauleit, Winfried/Rüffert, Christine et al. (Hrsg.): Vom Kino lernen. Internationale Perspektiven der Filmvermittlung. – Learning from the Cinema. International Perspectives on Film Education. Berlin 2010. [zurück]

Literatur

Meyer, Torsten: Interfaces, Medien, Bildung. Paradigmen einer pädagogischen Medientheorie, Bielefeld 2002.

 

Freiberg, Henning: Medien – Kunst – Pädagogik. Anstöße zum Umgang mit Neuen Medien im Fach Kunst. In: Kunst + Unterricht, Heft 230/231/1999, S. 23-29.

 

Kunst + Unterricht. Die Kunstzeitschrift für Lehrer. (Der Klassiker für den Kunstunterricht enthält viele Ideen und informiert über aktuelle künstlerische Perspektiven.)

 

kiss – Kultur in Schule und Studium im Siemens Arts Program 2005

Die Dokumentation präsentiert fünf Unterrichtseinheiten zu Künstlern aus dem Bereich Film, Video, Fotografie und Neue Medien.

 

Kunst und Musik. Neue Medien im Unterricht

In dieser Broschüre veröffentlicht netzspannung.org, eine Plattform für interaktive Kunst und Neue Medien, viele von LehrerInnen entwickelte und erprobte praktische Unterrichtseinheiten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade.

Links

Fachverband für Kunstpädagogik (BDK)

Die Seite informiert über die vielfältigen Aktivitäten des BDK: Arbeitsgruppen, Ausstellungen, Thementagungen und Fortbildungen, Besuch von Kongressen und ein Förderseminar für am Kunstunterricht besonders interessierte Jugendliche.

 

Bundeskongress der Kunstpädagogik (BuKo) 2010–2012

Die Seite stellt die Ergebnisse der drei Bundeskongresse, die zwischen 2010 und 2012 stattfanden, und die zugehörigen Publikationen vor.

 

Kunstforum

KUNSTFORUM ist die älteste Kunstzeitschrift auf dem deutschen Markt; sie deckt alle Bereich der visuellen Kultur, also Fotografie, Architektur, Design, Video usw. ab, und erscheint in Buchform.

 

transmediale

Die transmediale ist ein Festival und ganzjähriges Projekt in Berlin, das neue Verbindungen zwischen Kunst, Kultur und Technologie herausstellt; die Seite informiert über das Festival und die weitere Veranstaltungen, im virtuellen transmediale Archiv finden sich Materialien aus den vergangenen Jahrzehnten des Festivals.

Bildende Kunst, Lehrkräfte, Medienbildung

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