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08.12.2013 | Johannes Gienger

Medienbildung im Geschichtsunterricht III: Geschichte und Mediendidaktik

Bild: Andrea Rachele und Arnim Weischer/LMZ

Computergestützter Unterricht im Fach Geschichte: der bessere Unterricht?

Zunächst bietet der Einsatz von Computern und Medien per se keinerlei Garantie für einen besseren bzw. nachhaltigeren Unterricht. Genauso wie ein Unterricht mit Büchern und Kreidetafel scheitern kann, kann auch der computerbasierte Unterricht unabhängig vom Unterrichtsfach ins Leere laufen. Vermittlung von Sachwissen, Problematisierung, Erziehung zu kritischem Denken, Vermittlung von Kompetenzen ist mit und ohne Buch, mit und ohne Computer möglich.

 

Zum Einsatz von Computer und Medien im Unterricht

Dennoch sprechen eine Reihe von Gründen für den funktionalen Einsatz von Computern und Medien gerade auch im Geschichtsunterricht:

  • Die Gegenwart ist ein digitales Zeitalter, der Unterricht kann auf Dauer nicht mit antiquierten Mitteln gestaltet werden. In allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft dominiert der Computer die Arbeits- und Kommunikationsabläufe, in der Schule steht die Kreidetafel quasi symbolhaft im Zentrum des Klassenzimmers. Deren Anblick allein führt auf Dauer dazu, dass die Schülerinnen und Schüler die Schule nicht mehr ernst nehmen: ein schleichender Prozess, der längst eingesetzt hat.
  • Medienbildung gilt, neben Lesen, Schreiben und Rechnen, zu Recht als Kulturtechnik. Ohne die Vermittlung von Medienbildung werden den Jugendlichen Zukunftschancen verbaut. [1]
  • Das Lernen und Lehren mit verschiedenen Medien (Text, Bild, Ton, Film etc.) verbessert – funktional eingesetzt – die Unterrichtsqualität und sorgt für bessere Lernergebnisse. Neuere Forschungen sprechen für diese These. Dies gilt besonders für das Fach Geschichte, in dem historische Zusammenhänge sehr gut mithilfe von Schaubildern, Fotos, Filmen veranschaulicht und dadurch nachhaltiger im Gedächtnis verankert werden können.
  • Überfrachtung mit Bildmaterial – so die Erfahrung – kann allerdings durchaus auch kontraproduktiv sein. Entscheidend sind die Funktionalität und die richtige Dosierung des Medieneinsatzes.
  • Erfahrungen zeigen, dass der anfänglich Umgang mit dem Computer als bloßes Schreibwerkzeug die Kinder und Jugendlichen animieren kann, sich weitere Einsatzmöglichkeiten des Computers anzueignen und ihre individuellen Talente zu entwickeln: Manche Schülerinnen und Schüler bloggen das Geschichtsheft und verbinden den „Pflichteintrag“ im Blog / Heft mit individuellen Nachforschungen und Ergänzungen. Sie konstruieren ihren eigenen Blog wie ein eigenes Schulbuch, oder besser: individuelles Schulheft (Geschichtsblog von Verena Schöck oder der Beitrag Geschichtshefte als Blogs – Interview mit Johannes Gienger). Oder die Klasse produziert einen Film in Anlehnung an den Unterrichtstoff wie beispielsweise Das KZ Leonberg (Teil 1 und Teil 2)
  • Medienkompetenzen wie Formatieren von Texten, Bildbearbeitung, Hochladen von Dateien, Kommunikation im Netz u. ä. ergeben sich quasi nebenbei.
  • Das Fach Geschichte mit seiner Vielzahl an thematischen Bezügen auch im lokalen und regionalen Bereich eignet sich nicht nur für computergestützten Unterricht im Schulalltag, sondern gerade auch für aktive Medienarbeit in Anlehnung an den Unterricht (Interviews, Blogs, Videos, Wikis, sprechende Bilder etc.) [2]

 

Zusammenfassend sprechen vier Argumente – bei richtigem Einsatz – für den computergestützten Unterricht:

  • bessere Motivation und bessere Lernergebnisse im jeweiligen Fach
  • bessere Veranschaulichung des Lehrstoffes und damit bessere Behaltensleistung
  • Erwerb von Medienkompetenz u. a. durch informellen Austausch von Kenntnissen unter den SchülerInnen sowie Anregung zu konstruktivistischen Lernansätzen
  • bessere Vorbereitung auf die Anforderungen im späteren Berufsleben

Voraussetzungen für den sinnvollen Einsatz

Bei allen vermeintlichen und tatsächlichen Vorzügen des computergestützten Lernens und Lehrens – sei es im Fach Geschichte oder in anderen Fächern – muss der Übergang zu digitalem Lernen und Lehren jedoch systematisch angelegt, durchdacht und jeweils funktional sein. Der Einsatz des Computers im Unterricht darf nicht zu einer ziellosen Suche nach Materialien im Internet verkommen. Mehr spricht dafür, die Schülerinnen und Schüler mit Laptops arbeiten zu lassen, die mit multimedialen Materialien bestückt sind, und das Internet ergänzend beispielsweise zur Kommunikation einzusetzen. Es ist dabei eindeutig, dass die Möglichkeiten computergestützten Lernens sowie der Einsatz digitaler Medien vom Unterrichtsfach abhängen und daher im Fach Geschichte eine größere Rolle spielen kann (und das bereits tut) als in anderen Fächern.

 

Der Weg in den digitalen Schulalltag ist unausweichlich. Er ist ziemlich steinig und voller Hindernisse. Rahmenbedingungen müssen verändert werden: Medienbildung, d. h. auch Einsatz von Computern im Unterricht, muss in der Lehrerausbildung verbindlicher, abprüfbarer Bestandteil werden sowie verstärkt in der Lehrerfortbildung Einzug halten. Die Politik muss die Mittel für die Ausstattung der Schulen (strukturierte Verkabelung der Schulen, Laptops für Schülerinnen und Schüler etc.) und technisches Personal finanzieren; sie darf sich nicht mit Hilfe von Scheinargumenten wie den ständig bemühten Gefahren des Internets um die Finanzierung drücken, denn der Übergang ins digitale Schulzeitalter ist überfällig.

 

Natürlich ist dieser Übergang mit manchen Unwägbarkeiten und Unsicherheiten verbunden und natürlich kostet das viel Geld. Aber in Anbetracht der globalen Konkurrenz um Arbeitsplätze und des selbstverständlichen Umgangs mit Medien und Computern an Schulen vor allem in den USA und Asien dürfte die momentane Unentschlossenheit die Politik noch teurer zu stehen kommen.

 

Zum Autor:

Johannes Gienger ist Gymnasiallehrer für das Fach Geschichte sowie (Mit-)Autor und (Mit-)Produzent von Unterrichtssoftware für das Fach Geschichte von Medialesson zu, Nationalsozialismus, zum Imperialismus und Ersten Weltkrieg und zur Revolution 1848/49. Außerdem ist er Leiter des Stadtmedienzentrums Stuttgart am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg und in dieser Funktion immer wieder in der Lehreraus- und -fortbildung tätig.

Bild: Jennifer Räpple

Hier finden Sie alle Informationen zum Bildungsplan 2016 und zur Umsetzung der Leitperspektive Medienbildung im Fach Geschichte in der der Sekundarstufe I und im Gymnasium.

Quellen

[1] Siehe dazu: Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode: Zweiter Zwischenbericht der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft, Köln 2011, S. 20. [zurück]

[2] Siehe auch die Seite der Film-AG des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Weil der Stadt[zurück]

Links

Geschichtsblog von Verena Schöck

Dieser Blog ist das virtuelle Schulheft einer Schülerin der Jahrgangsstufe 10 zum Geschichtsunterrichts des Autors dieses Beitrags in den Schuljahren 2008 / 2009 und 2009 /2010 am Johannes-Kepler-Gymnasium in Weil der Stadt.

 

Das KZ Leonberg Teil 1 und Teil 2

Dieses Video über das KZ Leonberg wurde von einigen Schülern des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Weil der Stadt im Rahmen des Geschichtsunterrichts und unter Leitung des Autors dieses Beitrags im Schuljahr 2008 / 2009 gedreht.

 

Geschichtsheft-SMZ

Dieser Blog des Autors dieses Artikels ersetzte den Tafelanschrieb für den Geschichtsunterricht einer 8. Klasse Gymnasium im Schuljahr 2012/13. Wie bei einem normalen Schulheft übernahmen die Schülerinnen und Schüler Teile und kopierten sie in den eigenen Blog bzw. das eigene Schulheft.

Geschichte, Lehrkräfte, Medienbildung

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