Lernen über Medien

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Die Mär von den „Digital Natives“

Als Begründung für die Notwendigkeit, digitale Medien in den Unterricht zu integrieren, wurde in den vergangenen Jahren oft die These von einer sogenannten Netzgeneration herangezogen. Darunter wird allgemein die Gesamtheit der mit Computer und Internet aufwachsenden Generationen bezeichnet – in Abgrenzung zu den älteren, noch weitgehend ohne diese Medien sozialisierten Personenkreisen. Für erstere sei der Umgang mit digitalen Informationssystemen quasi von klein auf eine Selbstverständlichkeit, während die ältere Generation zeitlebens Anpassungsschwierigkeiten im Umgang mit ihnen habe.

 

So wichtig die Arbeit mit und das Lernen über digitale Medien in der Schule ist, diese Argumentation ist nicht schlüssig. Patricia Arnold hat in einem Aufsatz die zentralen Kritikpunkte am Konzept der Netzgeneration zusammengefasst. [1] Demnach war es vor allem der US-Pädagoge Marc Prensky, der für die Verbreitung der Netzgenerationsidee verantwortlich ist. Auf ihn gehen die Begriffe „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“ zurück, nach denen es sich bei der jüngeren Generation sozusagen um „Eingeborene“ in einer digitalen Medienwelt handelt, während die älteren „Einwanderer“ in dieser Welt seien.

 

Zahlreiche empirische Studien zur Mediennutzung bei Kinder und Jugendlichen haben diese These mittlerweile als plakativ und in hohem Maße verallgemeinernd entlarvt. Die Beschreibungen basieren meist auf recht „kleine Fallzahlen und beziehen sich überwiegend auf die US-amerikanische weiße Mittelschicht.“ Die tatsächlichen Mediennutzungsverhalten sind weitaus differenzierter, wie sich in Studien wie KIM und JIM, EU Kids online oder der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 zeigt. Nutzungspräferenzen und Umfang der Nutzung sind demzufolge abhängig von zahlreichen Faktoren wie Alter, Geschlecht und soziokulturellen Parametern. Kritisiert wird vor allem die deterministische Betrachtungsweise der Autoren wie Prensky, die der davon ausgeht, dass schon das Vorhandensein der Technologie bei Heranwachsenden zum selbstverständlichen Umgang mit ihr führt.

 

Für das Lernen in der Schule heißt das nun, dass der Einsatz digitaler Medien nicht deshalb stattfinden soll, um den medienkompetenten „Digital Natives“ adäquate Lernangebote zu machen. Medienkompetenz darf nicht falsch verstanden werden als die bloße Fertigkeit in der technischen Handhabung von Geräten – und selbst die ist bei weitem nicht bei allen Heranwachsenden vorauszusetzen. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, „die Diversität der Kinder und Jugendlichen auch in puncto Mediennutzung anzuerkennen und die unterschiedlichen Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status sowie Medienpräferenzen und vorhandene Medienkompetenzen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen bei der Einführung von Technologien in Unterricht und Lehre hinreichend zu berücksichtigen und so passgenaue Angebote zu entwickeln.“

Jugendliche Medienwelten

Dass digitale Medien die Gesellschaft verändern, steht außer Frage. Doch Hysterie ist dabei niemandem dienlich, weder in der „medienfanatischen“ Ausprägung eines Marc Prensky, noch in der „medienparanoiden“ eines Manfred Spitzer. Werden Medien ganz nüchtern und wertneutral als Werkzeuge des Alltags begriffen, dann lässt sich die Diskussion deutlich versachlichen. Wie immer bei der Gestaltung von Unterricht sollte dabei auf die Vorerfahrungen der Schülerinnen und Schüler Rücksicht genommen werden, also auf ihre Mediennutzungsgewohnheiten: Welche Formen der Kommunikation nutzen sie, wie setzen sie digitale Medien für ihre Freizeitgestaltung ein und welche Medien konsumieren sie? Dies variiert selbstverständlich von Klasse zu Klasse und von Schule zu Schule. Studien wie KIM und JIM können dabei hilfreich sein, doch sind die jeweiligen Schülerinnen und Schüler selbst die beste Informationsquelle.

 

Hauptaussage der aktuellen Studien ist, dass besonders unter den Kindern bis 13 Jahren das Fernsehen nach wie vor das Leitmedium ist, das Internet jedoch zunehmend an Bedeutung gewinnt. Bei den Jugendlichen kommt als entscheidender Faktor das Handy hinzu: Laut JIM-Studie 2011 dominiert das Handy bei der „Medienbeschäftigung in der Freizeit“ knapp vor Internet und Fernsehen, über 90% der Jugendlichen nutzen es mehrmals in der Woche, 80% gar täglich. Mit Internet und Fernsehen sind etwas weniger Jugendliche täglich beschäftigt, doch werden diese Medien ebenfalls sehr häufig verwendet. [2] Beim Handy sind auch bei Jugendlichen die Smartphones auf dem Vormarsch, 2001 besaß jeder Vierte ein solches Gerät, die Nutzung des mobilen Internets nimmt zu. [3]

 

Vor diesem Hintergrund ist es unumgänglich, dass Kinder und Jugendliche zu einem souveränen, kompetenten und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien hingeführt werden und dass die Schule der Ort hierfür ist. Denn neben den Eltern sind es gerade die Pädagoginnen und Pädagogen in der Schule, die die Mediennutzungsgewohnheiten ihrer Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen können, insbesondere in der Grundschule. Die Themenbereiche sind dabei sehr breit gefächert, einen detaillierten Einblick geben die Curricula des Landesmedienzentrums.

Informationskompetenz und Gefahrenbewusstsein

Neben dem gesamten Bereich der technischen Bedienkompetenz umfasst die Medienbildung beispielsweise den kompetenten Umgang mit Informationen, Bewertung von Quellen und entsprechende Recherchetechniken von der Orientierung in der Bibliothek bis zur Wikipedia. Welchen Informationen kann ich vertrauen? Welche Intentionen stecken hinter bestimmten Medienangeboten? Gerade das Social Web erfordert ein erhöhtes Maß an Reflexion bezüglich der Vertrauenswürdigkeit von Inhalten, da diese auch über andere Kanäle als die klassischen Massenmedien verbreitet werden können und Dank sozialer Netzwerke, Wikis oder Blogs sozusagen jeder auch zum Sender von Informationen werden kann. Diese Form der Informationsverbreitung birgt eine immense Chance für die Gesellschaft, verlangt dem Einzelnen jedoch auch ein gestiegenes Maß an analytischer Kompetenz ab. Sicher: Quellenkritik ist auch bei Printmedien unausweichlich, doch die Informationsfülle ist durch das Internet immens gestiegen.

 

Zu einem souveränen und sicheren Umgang mit digitalen Medien gehört außerdem, dass sich Kinder und Jugendliche der verschiedenen Gefahren bewusst sind, die bei der Mediennutzung immer auftreten können. Zu denken ist hier etwa an versteckte Kosten bei der Handynutzung. Wenngleich Verbraucherschützer stets darum bemüht sind, undurchsichtige Tarifmodelle zu verhindern, schaffen es die Mobilfunkanbieter dennoch, laufend neue Unklarheiten zu schaffen.

 

Zu den Gefahren zählen ebenso problematische Inhalte, die über Medien transportiert werden. Gerade durch die ständige Verfügbarkeit des Internets hat dieses Problem in den vergangenen Jahren eher zugenommen. Zu nennen sind hier in erster Linie extreme Gewaltdarstellungen, extremistische Weltanschauungen sowie Anorexie verherrlichende Internetauftritte (Pro-Ana). Gerade die rechtsextreme Szene hat in den vergangenen Jahren Social Media als Propagandakanal für sich entdeckt und versucht so, neue Anhänger zu rekrutieren. Doch auch das Fernsehen, das nach wie vor zu den Leitmedien zählt, vermittelt durch Formate wie Germany's Next Topmodel Körperbilder und Verhaltensmuster, die zumindest diskussionswürdig sind. Neben dem Elternhaus hat auch die Schule hier eine hohe Verantwortung, präventiv gegenzusteuern und Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren.

 

Neben den genannten Aspekten, die sich alle konkret auf das einzelne Individuum beziehen, gehört zur Medienkompetenz auch das Wissen um die Rolle der Medien in der Gesellschaft: Welche Aufgabe erfüllen die Medien? Wie werden Medien finanziert? Wer kontrolliert die Medien? All diese primär gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen haben ebenfalls ihren Platz in der Schule. Sie sind – im Gegensatz zu den zuvor genannten Punkten – auch fest im Bildungsplan der sozialkundlichen Fächer verankert.

 

Bei den übrigen Aspekten ermöglicht der fächerintegrative Ansatz der Schule eine individuelle Verteilung der Themen auf unterschiedliche Fächer, Fächerverbünde und fächerübergreifende Projekte. Die Mediencurricula des Landesmedienzentrums helfen den Verantwortlichen bei der Integration der Medienbildung in das Schulcurriculum.

Quellen

[1] Arnold, Patricia: Die „Netzgeneration“ – Empirische Untersuchungen zur Mediennutzung bei Jugendlichen. In: Ebner, Martin und Schön, Sandra (Hrsg.): Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien. Bad Reichenhall 2011, S. 159–165. [zurück]

[2] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg.): KIM-Studie 2012, S. 13. [zurück]

[3] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: (Hrsg.) JIM-Studie 2011, S. 57. [zurück]

Texte