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Rückblick auf den Fachtag Geschichte am 11. April 2018

„Mythos 1968 (50 Jahre 1968) – Das Jahr 1968 in Medien und Erinnerungen von Zeitzeugen“ lautete der Titel des sechsten Fachtages Geschichte, den das Stadtmedienzentrum Stuttgart in Kooperation mit dem Regierungspräsidium Stuttgart veranstaltete. Hier der erste Rückblick.

Fotos: Saskia Nakari

Der Fachtag richtete sich insbesondere an Lehrkräfte. Themen wie „Liberalisierungsprozesse, Emanzipationsbewegungen, Wertewandel, alternative Lebensformen und Pluralisierung“ sind in der Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Vielfalt“ des neuen Bildungsplans seit 2016 verankert. Der Fachtag zeigte, wie das Jahr 1968 im Schulunterricht reflektiert werden kann. Analysiert wurde dabei vor allem die Rolle unterschiedlicher Medien bei der Aufarbeitung individueller und gesellschaftlicher Erinnerungen in Zeitzeugenberichten.

 

Hans-Jürgen Rotter, Leiter des Stadtmedienzentrums Stuttgart am Landesmedienzentrum BW, begrüßte die Gäste zum sechsten Fachtag Geschichte, der nun schon zur jährlichen Tradition geworden ist.  

Als einen „historisch besonderen Fachtag an einem historisch besonderen Tag” bezeichnete StD'in Melanie Stumpf, Fachreferentin Geschichte im Regierungspräsidium Stuttgart, die Veranstaltung am 11.04.2018: Auf den Tag genau vor 50 Jahren war das Attentat auf Rudi Dutschke verübt worden. 

Präsentation von StD'in Melanie Stumpf

 

Es folgte ein Gastvortrag von Dr. Birgit Hofmann, Universität Heidelberg, Historisches Seminar

Mythos 1968

Das Jahr 1968 ging als ein Jahr des Protests und des Aufbruchs in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein. Es markiert eine Chiffre, die für Veränderung und Erneuerung steht. Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern weltweit geriet die Jugend während der sechziger Jahre in Bewegung: Sie artikulierte Protest gegen die Politeliten und erprobte neue Lebensstile. In Osteuropa begeisterte der „Prager Frühling“ mit seinem Versprechen größerer gesellschaftlicher Freiheit und einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ die Bürger. Während das tschechoslowakische Reformexperiment durch die Invasion von Warschauer Pakt Truppen im August 1968 brutal beendet wurde, trennten sich die Wege der 68er-Studenten des Westens: Während die einen auf demokratischem Weg für mehr Ökologie, Feminismus und Emanzipation eintraten, radikalisierte sich ein Teil der Bewegung, organisierte sich in „K-Gruppen“ oder wandte sich gar terroristischer Gewalt zu. Der Vortrag nahm das Jahr 1968 als vielschichtiges Jahr der Hoffnung, des Aufbruchs, aber auch der Ernüchterung vor dem Hintergrund des Jubiläumsjahrs 2018 in den Blick und reflektierte die Frage, was der Aufbruch der 68er-Generation für uns heute bedeutet

 

Im Anschluss fanden folgende Workshops statt:

 

Workshop mit Dr. Birgit Hofmann, Universität Heidelberg                                                    

Was war 1968?

Dieser Frage ging der Workshop von Dr. Birgit Hofmann nach. Zentrale Ereignisse des Jahres 1968 wurden im Spiegel zeitgenössischer Quellen erarbeitet und diskutiert. Das Denken und Handeln der 68er-Generation wurde in seinem utopischen Gehalt, aber auch in seinen politischen Irrwegen, sichtbar gemacht und mit Dokumenten zur Haltung der „Gegenseite“ konfrontiert. In einem zweiten Schritt thematisierte der Workshop die Nachgeschichte des Protests und die Bedeutung von „1968“ für die Erinnerungskultur. Anhand von Zeitungsartikeln und Medienquellen ging es hier um die Deutungskämpfe rund um „1968“ und ihren Ort in der Politikgeschichte der Bundesrepublik und in Europa. Abschließend wurde die Arbeit mit unterschiedlichen Primärquellen im Plenum vorgestellt und deren Ergebnisse als Möglichkeiten einer Annäherung an ein spannendes und vielschichtiges Jahr diskutiert.

 

Workshop mit Hanns-Georg Helwerth, Stadtmedienzentrum Stuttgart

1968 in Spiel- und Dokumentarfilmen

Es gibt eine große Zahl von Filmen, die sich mit Ursachen, Hintergründen und Folgen der „68er“ befassen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der RAF. Viele bekannte Filme und Filmemacher haben sich mit der Thematik befasst, z.B. Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ 1975, der Kompilationsfilm „Deutschland im Herbst“ 1977/78, von Trottas „Die bleierne Zeit“ 1981, Veiels „Blackbox BRD“ 2001, Edels „Der Baader Meinhof Komplex“ 2008, Veiels „Wer wenn nicht wir“ 2011. Herr Helwerth gab einen Überblick über die zahlreichen Produktionen, benannte Vorzüge und Schwächen dieser Filme anhand von Ausschnitten und erörterte Einsatzmöglichkeiten im Geschichtsunterricht. 

Linktipps 

Die RAF im Film:

http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/filmbildung/43367/kommentierte-filmografie-raf

Literaturliste zum Film „Wer wenn nicht wir”

http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/filmbildung/43372/literatur-zum-film

 

Workshop mit StD Bernhard Geiger, Fachberater Geschichte,

Regierungspräsidium Stuttgart, Abteilung 7

„50 Jahre 1968“ als Seminarkurs 

Historische Jubiläen sind Begegnungen unserer Schülerinnen und Schüler mit Geschichte. Der Regelunterricht sprengt oft den Rahmen, um sich intensiv mit einem historisch aktuellen Thema zu befassen. Der Seminarkurs bietet hier für das Fach Geschichte den nötigen Raum und die nötige Zeit. Der Workshop zeigte am Beispiel des Jubiläums „50 Jahre 1968“ zum einen die Chancen, Herausforderungen und Möglichkeiten, einen historischen Gegenstand zum Thema eines Seminarkurses zu machen, zum anderen wurde in diesem Rahmen der Umgang mit Zeitzeugen im unterrichtlichen und schulischen Kontext erarbeitet und diskutiert. Vorgestellt wurden bspw. die im Rahmen eines Projekt-Seminarkurses entstandenen Ausstellungsexponate, die während des Fachtages auch im Foyer des Stadtmedienzentrums zu sehen waren.

 

Workshop mit Dr. Annabelle Petschow, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn                                                          

Das Zeitzeugenportal 

Seit den 1980er Jahren spielen Zeitzeugeninterviews in der Vermittlung von Zeitgeschichte in der Schule, in Museen und Gedenkstätten, aber auch im Fernsehen eine zunehmend wichtige Rolle. Sie geben Auskunft darüber, wie unterschiedlich und individuell Geschichte erfahren und verarbeitet wird. Das Zeitzeugenportal www.zeitzeugen-portal.de erfasst, sichert und erschließt Zeitzeugeninterviews und macht so erlebte Geschichte zugänglich.

 

Fachtag Geschichte, Filmsaal des SMZ Stuttgart, Fotos: Saskia Nakari

 

 

11.04.2018, Corinna Kirstein