Islamismus / Salafismus

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Islamismus

Grundsätzlich ist der islamistische Extremismus als gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung Deutschlands einzustufen. [1] Er ist teils geprägt von eher lokalem Antisemitismus, teils jedoch auch von der internationalen Bestrebung, durch terroristische Anschläge gegen die sogenannten „Ungläubigen“ einen einzigen, weltweiten Gottesstaat zu errichten.

 

Der antisemitische Teil dieser Ideologie ist zum Teil auf die Vernichtung des jüdischen Staates Israel ausgerichtet. Die Hamas kämpft beispielsweise für „die Errichtung eines islamistischen Staates auf dem gesamten Gebiet „Palästinas“ – auch durch bewaffneten Kampf. Unter „Palästina“ versteht die Hamas das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan, somit auch das Territorium des Staates Israel“. [2] „Die mit Unterstützung des Iran gegründete schiitisch-islamistische Organisation „Hizb Allah“ bestreitet das Existenzrecht Israels. Ihr erklärtes Ziel ist der mit terroristischen Mitteln geführte und als ‚legitimer Widerstand‘ bezeichnete Kampf gegen Israel als ‚unrechtmäßigen Besatzer palästinensischen Bodens‘.“ [3]

 

Der globale, internationale Kampf für einen islamischen Gottesstaat hingegen wird von der terroristischen Agenda des Islamischen Staates (IS) und al-Qaida bestimmt. Al-Qaida hat durch den Anschlag auf das World Trade Center in der westlichen Welt zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht. Laut Verfassungsschutz gibt es momentan keine Anzeichen für IS- oder al-Qaida-Strukturen in Deutschland. Dennoch kommt dem Salafismus, einer in den letzten Jahren immer wichtigeren Strömung innerhalb des Islamismus, auch in Deutschland eine zunehmende Bedeutung zu. Dabei handelt es sich um eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams. Nicht-salafistische Muslime gehören ebenso zu den Feinden der Salafisten wie Angehörige anderer Religionen. Die Bedeutung des Salafismus in Deutschland lässt sich auch daran ablesen, dass Mitte November 2016 das Bundesinnenministerium nach einer mehr als einjährigen Vorbereitungsphase den islamistischen Verein „Die wahre Religion“ des Hasspredigers Ibrahim Abou Nagie verboten hat. [4] Den IS, al-Qaida und den Salafismus verbindet die Auffassung, dass Staat und Religion untrennbar sind, freie Meinungsäußerung nicht wünschenswert ist und dass die Gleichberechtigung der Frau prinzipiell ausgeschlossen wird. Des Weiteren sind alle „Ungläubigen“ die natürlichen Feinde dieser Vereinigungen und müssen somit vernichtet werden – seien es Juden, Schiiten und der komplette Westen (IS) oder die Sunniten (al-Qaida). Al-Qaida lehnt allerdings den IS aufgrund dessen Herrschaftsanspruch über alle Muslime ab.

Salafismus

Den Salafismus kann man als „einheimische[n] Islamismus“ [5] ansehen, wie es ihn auch in anderen Ländern, zum Beispiel dem Vereinigten Königreich gibt. [6] Anders als die Anschläge des 11. September 2001 in den USA, wurden die Anschläge auf die Londoner U-Bahn im Jahre 2005 von in Großbritannien geborenen Muslimen begangen, die sich zwischen den Kulturen gefangen fühlten und deshalb für extremistische Propaganda im eigenen Land zugänglich waren.

 

Der Salafismus hebt sich durch eine fundamentalistisch-islamistische Ideologie und eine Art Gegenkultur zu den in Deutschland etablierten islamischen Gruppen ab: „Der Salafismus präsentiert sich einerseits als Gegenmodell zur hiesigen, westlichen Gesellschaft, ist aber andererseits auch deren Produkt“. [7] Salafisten sind unter anderem an einem eigenen Kleidungsstil zu erkennen und sie berufen sich nicht auf altbewährte Traditionen aus einem fernen Heimatland. Der Salafismus ist besonders für Minderheiten und junge Menschen attraktiv, die auf der Suche nach einer kulturellen Identität sind, und ruft zum aktiven Kampf gegen den Westen durch die Ausreise ins vom IS ausgerufene „Kalifat“ und Anschläge auf westliche Länder auf. Er agiert in diversen Ländern unter anderem durch medienwirksame Aktionen wie das Verteilen des Korans in der landessprachlichen Übersetzung. Potenziellen Zuwachs könnte der Salafismus in Deutschland durch Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak erfahren, da Salafisten teilweise unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe in Flüchtlingsheimen tätig sind. Die Grenzen zwischen dem politischen Salafismus, der nur missionieren will, und dem „dschihadistischen“ Salafismus, der zur Gewalt aufruft, verschwimmen inzwischen immer mehr und Indoktrinierung kann sich durchaus unter dem Deckmantel der Missionierung verstecken. [8]

Terrorismus

Auch wenn es laut Verfassungsschutz keine Anzeichen für islamistische Strukturen von al-Qaida und dem Isalmischen Staat (IS) in Deutschland gibt, betrifft uns die neue Art des Terrors sowie die Gefahr der Radikalisierung ebenso wie andere Länder. Neben Anschlägen in der Türkei und dem Nahen Osten kam es zu Anschlägen in Paris (Januar, November 2015), Brüssel (März 2016), Nizza (Juli 2016) und auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin im Dezember 2016. Zum ersten Anschlag in Paris gegen das Satiremagazin Charlie Hebdo bekannte sich al-Qaida, der IS bekannte sich zu den anderen Anschlägen. Der Islamische Staat handelt wie ein internationales Unternehmen und hatte Angriffe auf Frankreich wegen dessen militärischen Engagements in Syrien und dem Irak angekündigt. Diese Anschläge haben vor allem im Kontext der Flüchtlingsdebatte zu einer zunehmenden islamfeindlichen Haltung in Europa geführt, die diversen rechtsextremen Parteien bei Länder- oder Regionalwahlen Aufwind gegeben und zu gewalttätigen Ausschreitungen sowohl im links- als auch im rechtsextremen Lager geführt haben. Fälle, in denen andere Flüchtlinge angehende Attentäter entlarvt haben, werden im Kontext vieler Hetzkampagnen ignoriert.

 

Hauptsächlich handelt es sich bei den Attentätern eher um Einzeltäter und Kleinstgruppen als um groß angelegte Terrorvereinigungen. Oftmals sind es Rückkehrer aus Dschihad-Gebieten, die Terroranschläge auf europäische Ziele planen und verüben. Sie haben meist ein westliches Erscheinungsbild, westliche Ausweispapiere und ein unauffälliges Verhalten. Zudem können sie sich aufgrund ihrer einheimischen Papiere innerhalb Europas frei bewegen und sich grenzüberschreitend in kleinen, unauffälligen Gruppen vernetzen. Besonders das Internet trägt zur oftmals schnellen Radikalisierung bei. Vor allem leicht beeinflussbare Jugendliche, aber auch latent islamistische Erwachsene, wie der Anschlag auf die Nationalfeiertagsfestlichkeiten in Nizza am 14. Juli 2016 gezeigt hat, sind dafür anfällig. [9]

Propaganda durch Soziale Netzwerke

Die Propaganda des IS konzentriert sich vornehmlich auf ein junges, medienaffines Publikum. Soziale Netzwerke und WhatsApp-Gruppen spielen eine große Rolle. Über sie werden Audioaufnahmen, Videos und Texte verbreitet und erleichtern es Islamisten in Syrien Kontakt mit IS-Sympathisanten in anderen Ländern herzustellen. Diese können wiederum als Multiplikatoren in ihrem jeweiligen Land fungieren. Die Propaganda wird von diversen Kanälen verbreitet, unter anderem durch eine international ausgerichtete Medienstelle, das „al-Hayat Media Center. Dort wird nicht-arabisch sprachiges Propagandamaterial, wie beispielsweise provozierende Gewaltdarstellungen, die für mediale Aufmerksamkeit sorgen, produziert. Neben Anschlägen auf den Westen wird für die Ausreise der Sympathisanten ins „Kalifat“ geworben, das fortwährend verteidigt werden müsse. Dieser „Überlebenskampf“ wird glorifiziert und zieht leicht zu beeinflussendes Publikum schnell in seinen Bann. Auch junge Frauen werden direkt über Soziale Netzwerke angesprochen, indem ihnen IS-Kämpfer als romantische Helden und ideale Ehemänner präsentiert werden. Nachdem sie über Freundschaftsanfragen auf Facebook ihre zukünftigen Ehemänner kennengelernt haben, macht man sie glauben, dass sie als ihre Ehefrauen das „Fundament der Blüte des Kalifats“ darstellen, die mit ihren Kindern abseits der Kampfgebiete einem normalen Alltag nachgehen können. So kommt es dazu, dass minderjährige Frauen nach Syrien aufbrechen und sich mit der Realität konfrontiert sehen, sich freiwillig in die sexuelle Sklaverei begeben haben. Sowohl in Frankreich und Belgien wie auch in Deutschland gibt es immer wieder Mädchen, die  diesen Lockrufen erliegen. [10]

 

Die Propaganda hat mit Religion nichts zu tun, spricht gezielt junge Menschen an, die den Wunsch verspüren, Teil einer Gemeinschaft oder Revolution zu sein. Dadurch weitet sich der Wirkungsradius dieser Propaganda drastisch aus und die Opfer avancieren von reinen Internetkonsumenten zu -produzenten, da sie selbst Propagandamaterial herstellen und verbreiten. So erlangen sie ein Gemeinschaftsgefühl, das sie oftmals in ihrem sozialen Umfeld vermissen und vernetzen sich grenzübergreifend. Dies wird auch durch die Anschläge in Paris im November 2015 deutlich, da unter den Attentätern neben französischen und belgischen Staatsangehörigen zwei eingeschleuste Iraker mit syrischen Pässen waren.

Quellen

[1] Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2015. S. 150. [zurück]
[2] Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2015. S. 194. [zurück]
[3] Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2015. S. 193. [zurück]
[4] Diehl, Jörg und Lehberger, Roman:  Bundesweite Razzia. Innenminister verbietet Salafisten-Verein. Spiegel Online. 15.11.2016. [02.01.2017] [zurück]
[5] Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2015. S. 153. [zurück]
[6] Davis, Rowenna:  One religion, two countries. Rowenna Davis explores differences in national identity between British and American Muslims. theguardian. 17.12.2007 [02.01.2017] [zurück]
[7] Vgl. Ceylan, Rauf und Kiefer, Michael: Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention. Wiesbaden 2013, S. 75 f., 92 ff. und Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2015. S. 153. [zurück]
[8] Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2015. S. 171f. [zurück]
[9] Junghans, Daniela: Attentäter von Nizza. Radikalisierung im Eilverfahren? tagesschau.de. 18.07.2016. [02.01.2017] und Attentat von Nizza. Frankreich rätselt: Wie wird ein Einzelgänger so schnell zum radikalen IS-Soldaten? Stern. 17.07.2016. [02.01.2017] [zurück]
[10] Quillet, Lucile: Pourquoi les jeunes filles rejoignent les rangs de l'État islamique. Le Figaro. 14.12.2015. [02.01.2017] [zurück]