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Autor: Herzog, Roman.
Titel: Rhetorik in der Demokratie.
Quelle: Gert Ueding/Thomas Vogel (Hrsg.): Von der Kunst der Rede und Beredsamkeit. Tübingen 1998. S. 205-215.
Verlag: Attempto Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Roman Herzog
Rhetorik in der Demokratie
Meine Damen und Herren,
ich gratuliere zunächst einmal zum Doppeljubiläum. Seit fünfhundert Jahren gibt es Rhetorik in Tübingen und seit dreißig Jahren das Seminar für »Allgemeine Rhetorik«. Eine deutsche Singularität, auf die man hier, wie ich als Tübinger Honorarprofessor weiß, so stolz ist wie auf viele andere Einmaligkeiten am Neckar.
Die Rhetorik ist die älteste Kommunikationswissenschaft der Welt. Deswegen hat jeder, der sich dazu äußert, viele berühmte Vorgänger - womöglich noch berühmtere als Walter Jens und Gert Ueding. Meine Absicht ist es aber nicht, ihren vielen philosophischen, historischen oder philologischen Deutungen eine weitere zur Seite zu stellen. Ich möchte zum Thema Rhetorik und Demokratie vielmehr in sehr pragmatischer und politischer Absicht sprechen. Dabei leitet mich das Interesse am weiteren Funktionieren unseres freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens. Denn Freiheit und Demokratie brauchen die freie Rede und damit die Beredsamkeit wie die Luft zum Atmen.
Wo keine selbstverständlichen Gewißheiten vorliegen, wo also Entscheidungen zu treffen sind, die der Zustimmung bedürfen, wo nicht Macht allein entscheidet oder formale Logik Schlüsse erzwingt, da ist der Ort der Rhetorik. Wenn das stimmt, dann ist der vornehmste Ort der Rhetorik tatsächlich die Demokratie. Es ist deshalb kein Zufall, daß sie in der athenischen Demokratie ihre erste Blüte erlebt hat. Das entscheidungsoffene Wesen der Demokratie und der Widerstreit der Meinungen in ihr bewirken, daß Demokratie und Beredsamkeit nicht nur historisch gleichen Ursprungs sind, sondern daß sie notwendigerweise aufeinander angewiesen bleiben.
Das Thema »Rhetorik in der Demokratie« interessiert mich deshalb nicht nur persönlich, es interessiert mich auch qua Amt. Wenn der Bundespräsident, wie ich mich jetzt einmal in der dritten Person nennen will, zu diesem Thema spricht, dann spricht er in gewisser Weise auch über sich selbst.
Einerseits kann der Bundespräsident, so wie unsere Verfassung sein Amt nun einmal ausgestaltet hat, wenn überhaupt, nur durch Reden politisch wirken. Andererseits müßte er aber, ebenfalls streng nach dem Grundgesetz, überhaupt keine einzige Rede halten, um seine verfassungsmäßigen Aufgaben zu erfüllen. Ich - um es nun in der ersten Person zu sagen - müßte weder hier, zum Jubiläum der Rhetorik in Tübingen, reden noch überhaupt irgendwo, und wäre trotzdem meinen Pflichten nicht untreu. Ich könnte - jetzt ganz extrem gesprochen - fünf Jahre im Schloß Bellevue oder in der Villa Hammerschmidt sitzen, Bundeskanzler, Minister und höhere Beamte ernennen, Botschafter empfangen, Gesetze unterzeichnen, Ordensverleihungen aussprechen, mich durch meinen Staatssekretär über die Kabinettsitzungen unterrichten lassen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Trotzdem ist das Thema der heutigen Vorlesung in sehr besonderer Weise mein Thema. Ich praktiziere, da ich fast nichts zu entscheiden habe, sozusagen in reiner Form das Thema der Vorlesung.
Ich gestehe gern, daß das ambivalent ist. Da ich als Bundespräsident fast keine Entscheidungskompetenz habe, ist es nicht einmal möglich, mich zur Verantwortung zu ziehen, falls jemand Vorschläge, die ich mache, gesetzgeberisch oder sonstwie in die Tat umsetzt. Auf der anderen Seite kann ich immer, wenn nicht getan wird, was ich vorschlage, darauf verweisen, daß es besser gewesen wäre, man hätte auf mich gehört.
Trotz dieser Ambivalenzen redet der Bundespräsident. Das war von Anfang an so. Der erste in der Reihe der Präsidenten der Bundesrepublik, Theodor Heuss, war es, der allein durch seine Reden dieser Republik einen sehr markanten Stil gegeben hat. Das war der - mir sehr sympathische - Stil eines selbstbewußten, aber ohne triumphale Gesten auskommenden Gemeinwesens. Unvergessen bleibt sein rhetorisch überaus klug gewählter Spruch beim Gelöbnis der ersten Bundeswehrsoldaten: »Nun siegt mal schön!« Man war seinerzeit über diesen Ausspruch nicht nur glücklich. Aber Theodor Heuss hatte zumindest den richtigen Ton getroffen. Indem er zwar das feierliche Gelöbnis der Soldaten abgenommen, die Zeremonie aber zugleich ironisch abgefedert hat, hat er die gleichzeitig notwendige und doch schon nach ihrem Selbstverständnis jedem Militarismus abholde Funktion der Bundeswehr auf den Begriff gebracht.
Theodor Heuss war es übrigens auch, der im Parlamentarischen Rat entgegen anderen Vorstellungen - man dachte zum Beispiel an ein mehrköpfiges Direktorium - entschieden für die Bestellung eines Ein-Mann-Staatsoberhauptes im westdeutschen Teilstaat plädiert hat. Sein Argument war, daß ein Gemeinwesen eine Repräsentationsfigur braucht, die weder durch ein Kollektiv noch durch eine abstrakte Struktur ersetzt werden könne. Bevor er daran denken konnte, das Amt selbst auszufüllen, sprach er in diesem Zusammenhang von einer gemeinschaftsstiftenden Repräsentanz für die Republik. Als er als erster das wenig definierte Amt auszufüllen hatte, da tat er es sehr erfolgreich, und das Mittel seines Erfolges war exakt die von der Verfassung nicht vorgesehene - allerdings auch nicht ausgeschlossene - Rede. So hat er den Stil der Bundesrepublik, aber auch den Stil des Präsidentenamtes geprägt. Von dem Bonus, den er durch seine Art, das Wort zu handhaben, erwarb, von seiner Rhetorik also, haben alle seine Nachfolger, mich eingeschlossen, profitiert, auch wenn sie das Amt im übrigen durchaus unterschiedlich interpretiert haben.
Nun wäre es natürlich falsch, den Bundespräsidenten für das einzige Organ unseres Staates zu halten, das mit dem Mittel der Rede zu arbeiten hat. Das Gegenteil ist der Fall. Demokratie und Rhetorik sind ganz allgemein aufeinander angewiesen. Beredsamkeit ohne Demokratie ist entweder - von unten gesehen - mit Gefängnis- oder gar Lebensgefahr verbunden oder sie erschöpft sich - von oben gesehen - in Lobhudelei, Vernebelung und Propaganda. Gewiß kann es auch in anderen Staatsformen faire Unterrichtung und offenes Werben um die Zustimmung der Betroffenen geben, aber Demokratie ohne Rede und Gegenrede und das bedeutet ja Demokratie ohne Rhetorik - wäre eine reine Gespensterveranstaltung, in der allein noch nach Logos, Lobbymacht und dem Image von Personen entschieden würde.
Das Amt des Bundespräsidenten zeichnet sich dementsprechend nicht durch seine besondere Nähe zum Instrument der Rede aus, sondern allenfalls dadurch, daß der Mangel seiner Entscheidungsbefugnisse die Rede bei ihm überproportional in den Vordergrund treten läßt, vor allem aber dadurch, was mit diesem Instrument angestrebt und erreicht werden muß.
Auf die Rede sind - wie könnte es anders sein - auch Regierung und Opposition angewiesen; wie sollten sie sonst die Wähler von der Richtigkeit ihrer politischen Positionen überzeugen? Die Eigenart der politischen Auseinandersetzung bringt es aber fast unausweichlich mit sich, daß sie sich dabei auf solche Fragen konzentrieren, die im jeweiligen Augenblick zwischen ihnen umstritten sind und die infolgedessen auch gerade »aktuell« sind. Andere interessieren in der Regel auch die Medien nicht. Der Bürger zieht daraus meist den Schluß, »die da oben« seien »immer nur zerstritten« und sie sähen außerdem über den Tellerrand der nächsten Wahl nicht hinaus.
Ganz anders der Bundespräsident: Er hat solche Fragen zu »thematisieren«, die im Moment nicht Gegenstand der allgemeinen Debatte sind (und die infolgedessen auch den Massenmedien als nebensächlich erscheinen), und er hat von Zeit zu Zeit ins Bewußtsein zu rufen, daß es zwischen den politischen Lagern auch breite Zonen der Übereinstimmung gibt - er hat also, wie man so schön sagt, »das Gemeinsame zu betonen«.
Auf das Instrument der Rede sind aber, wie gesagt, in einer Demokratie alle angewiesen, und damit sind wir beim Wert der Rhetorik als solcher.
Wir sind von Rhetorik umgeben, im politischen Leben, in der Werbung, aber auch im privatesten Bereich, und sei es nur, daß es darum geht, wohin man mit seinem Partner in Urlaub fahren soll. Obwohl Beredsamkeit also allgegenwärtig und überall notwendig ist, wo es um offene Fragen geht, mißtrauen wir ihr. Ich verschiebe jetzt erst einmal die Frage nach dem spezifisch deutschen Mißtrauen gegen Rhetorik, das sich unter anderem aus der Erfahrung der maßlosen Propaganda des Dritten Reiches bis heute erhalten hat. Die Rhetorik sah sich von allem Anfang an Mißtrauen und Feindschaft ausgesetzt. Schon in ihrer ersten Blütezeit, in Athen, formulierte Sokrates, der Gegner der Sophisten, also der Profi-Redenkünstler, den bis heute konstant wiederholten Verdacht, daß die Redekünstler im tiefsten unmoralisch handelten, weil sie durch angelernte Techniken »die schwächere Sache zur stärkeren« machten und somit der Lüge und Täuschung schuldig seien. Schon ganz zu Beginn wird also der schwerwiegendste Verdacht gegen rhetorische Technik überhaupt ausgesprochen: Wer sich in öffentlichen oder auch privaten Äußerungen rhetorischer Künste bedient, steht bald im Ruf, unwahrhaftig zu sein, das heißt nicht der schlichten Wahrheit die Ehre zu geben.
Auch auf diesen Verdacht werde ich noch zurückkommen. An dieser Stelle nur so viel: Wer auch nur einen einzigen sokratischen Dialog gelesen hat, der weiß, mit welchen feinen und kalkulierten rhetorischen Mitteln auch Sokrates (oder sein Autor Platon) zu arbeiten verstand. Auch die Bekämpfung der Rhetorik ist also noch einmal eine rhetorische Kunst.
Der Mensch lernt schnell. Er lernt zum Beispiel das, was man »forensische Rhetorik« nennt. Ich brauche hier nicht weiter zu begründen, warum das Gericht einer der Ursprungsorte der Rhetorik überhaupt ist. Es liegt einerseits daran, daß es zwischen jedem Gesetz und jeder diesem Gesetz widersprechenden Tat einen Spielraum von Unschärfe gibt, und andererseits daran, daß auch die Tat selbst oft auf verschiedene Weise erklärt und gedeutet werden kann. Keine menschliche Tat ist eindeutig - und erst recht kein Gesetz. Deswegen ist jede Anklage der Beginn von rhetorischer Aktion. So verhält es sich schon beim ersten Untersuchungsverfahren, von dem - in der Bibel - berichtet wird: Gott erwischt Adam in flagranti, dieser kann die Tat selbst auch gar nicht leugnen. So behauptet er wenigstens den strafmildernden Tatbestand der Anstiftung. Eva greift zum selben Mittel und deutet auf die Schlange. Das schlichteste, aber bis heute in ähnlichen Situationen beliebteste rhetorische Mittel, nämlich der ausgestreckte Zeigefinger, der von einem selbst weg auf den anderen deutet, wird hier in die Geschichte eingeführt.
Machen wir von diesen biblischen Zeiten einen Sprung in die demokratische Gegenwart. Ich möchte auf ein mir ebenfalls sehr wichtiges Thema zu sprechen kommen, das mit der Rolle der Rhetorik in der Demokratie zusammenhängt. Die offene Gesellschaft, für die ich immer wieder plädiere, ist auf Transparenz angewiesen, vor allem auf die Transparenz der unterschiedlichen Wissensbereiche. Es ist nicht rückgängig zu machen, daß sich unser Wissen in immer mehr Sachbereiche ausdifferenziert. Es ist aber für eine offene und demokratische Gesellschaft höchst gefährlich, wenn sich die unterschiedlichen Disziplinen so sehr in ihren eigenen Sprachspielen verstricken, daß sie schon deshalb nicht mehr miteinander diskutieren können, weil sie sich nicht mehr verstehen. In den komplexen Entscheidungen, die wir immer wieder in unserem Gemeinwesen treffen müssen, ist es aber nicht möglich, auf Zusammenarbeit der Disziplinen zu verzichten. Viele Blockaden in unseren augenblicklichen Debatten sind im ungenügenden gegenseitigen Verstehen begründet.
Aber ich will noch einen Schritt weitergehen. In einer offenen Gesellschaft müssen sich nicht nur die jeweiligen Experten verstehen. Es kommt vielmehr entscheidend darauf an, die Probleme so darzustellen, daß auch eine interessierte Öffentlichkeit darüber sachgerecht mitreden und entscheiden kann. Der Kampf gegen Expertokratie beginnt mit dem Gewinn der rhetorischen Kompetenz, mit sachgerechter Beredsamkeit.
Damit ist nicht zuerst die Fähigkeit zum Überzeugen anderer gemeint, sondern die Fähigkeit, einen Sachverhalt oder ein Problem so darzustellen, daß sie für nicht Eingeweihte überhaupt verständlich werden. Das hört sich banal an, ist es aber nicht. In einem Land, in dem eine schwer verständliche Fachsprache immer noch als Ausweis wissenschaftlicher Könnerschaft gilt, in dem das Beherrschen unverständlicher Jargons wie eine rituelle Einweihung erlebt wird, wird gesellschaftliche Verständigung mehr und mehr unmöglich. Zwischen dem akademisch-hermetischen Kolloqium und dem alles nivellierenden Stammtisch klafft eine große Lücke. Anders ausgedrückt: Nötig ist eine Kultur des engagierten, informierten und ehrlichen Diskurses.
Dazu braucht es nicht nur Sachkenntnis, sondern ebenso eine frühe und ständige Übung in Beredsamkeit, eine Übung darin, seine eigene Position klar, nachvollziehbar und überzeugend darzulegen. (Der mündlichen ist dabei übrigens die schriftliche Beredsamkeit an die Seite zu stellen. Dafür sind ein paar seltene Schreibkurse hier und da zu wenig.)
Ich möchte noch einmal deutlich sagen, daß es sich hier um ein gesellschaftliches Erfordernis ersten Ranges handelt. Wir stehen vor einem Paradox: Einerseits beschreiben wir uns selbst als Kommunikationsgesellschaft, andererseits sind immer weniger Menschen in der Lage, verständlich zu kommunizieren. Es ist ja manchmal geradezu eine Strafe, Wissenschaftlern, Experten, aber auch Politikern, die sich öffentlich äußern, zuzuhören.
Dabei sind es zunehmend zentrale Bereiche in Wissenschaft und Politik, die, so schwierig und komplex sie sind, einer möglichst breiten Öffentlichkeit verständlich gemacht werden müssen. Ich nenne nur zwei Beispiele, die alle angehen, aber, wie ich vermute, nur von den wenigsten verstanden werden. Alles, was mit Gentechnologie zusammenhängt, wird unser Leben revolutionieren können. Von der Ernährung über die Heilung von Krankheiten bis hin zur Erzeugung von Leben oder gar neuen Lebensformen sind existentielle Bereiche unseres persönlichen Lebens betroffen. Hier fehlt sachgemäße und umfassende Aufklärung. Stattdessen haben wir auf der einen Seite einen schablonierten Angst- oder Empörungs-Diskurs und auf der anderen Seite einen ebenso schablonierten Innovations-Diskurs. Beide, so hat man den deprimierenden Eindruck, wissen nicht, wovon sie reden. Das liegt - und deswegen gehört das zu unserem Thema - unter anderem daran, daß die Wissenschaftler oft überhaupt nicht öffentlich reden oder doch keine Sprache haben, die verstanden wird, und daß die, die sich äußern, häufig keine Ahnung von der Sache haben. Für das demokratische Gemeinwesen ist das gefährlich, weil die Gesellschaft aus Sprachlosigkeit um die Möglichkeit gebracht wird, eine sachgerechte Debatte zu führen und sachgerecht zu entscheiden.
Ebenso verhält es sich oft im politischen Bereich. Ich möchte zum Beispiel gern wissen, wer von Ihnen eine präzise und gründliche Argumentation für oder gegen den Euro kennt. Was wir kennen, sind die beiden Mini-Diskurse, die für den Fall des Ausbleibens des Euro oder für den Fall seiner Einführung katastrophale Konsequenzen oder umgekehrt das alleinige Heil voraussagen. Wenn politische Beredsamkeit gerade in diesem Fall für Aufklärung und Transparenz gesorgt hätte, wäre der Öffentlichkeit manche Unruhe erspart geblieben, die vor allem von Unsicherheit erzeugt wird.
Wir brauchen deshalb - wo auch immer - Unterricht in theoretischen rhetorischen Grundkenntnissen (wie sie früher wenigstens in Umrissen der Unterricht der alten Sprachen vermittelte), aber auch konkrete Übungen in schriftlicher und mündlicher Beredsamkeit. Mein Idealbild ist dabei keineswegs der Redner oder die Rednerin, die auf der Rostra die überwältigende Rede an die Volksversammlung halten. Das ist nicht nur anachronistisch, sondern auch überflüssig. Ich wünsche mir nur, daß die heute so überreich vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten kompetent genutzt werden könnten.
Zur fachlichen Bildung in den verschiedenen Fakultäten müßte dementsprechend die Fähigkeit gehören, auch vor einem nicht fachlichen Publikum überzeugend und kompetent über die Probleme des Fachs zu sprechen. Inwieweit dazu die Einrichtung von rhetorischen Seminaren wie dem Ihren hier in Tübingen nützlich ist, will ich nicht beurteilen. Immerhin gehört es aber zu den unbestreitbaren Fakten, daß aus denjenigen Ländern, in denen eine rhetorische Tradition lebendig ist (ich nenne einmal England, Frankreich und die Vereinigten Staaten), die weitaus besseren und vor allem die weitaus besser lesbaren Fachbücher stammen. Ob es um Geschichte oder Physik, um Gentechnologie oder Politikwissenschaft, um Medizin oder Kommunikationswissenschaft geht: Hier sind die genannten Länder vielleicht auch deswegen führend, weil sie an den Universitäten die Rhetorik nicht so stiefmütterlich behandeln wie wir. Ich sehe schon vor mir, wie manche der reinen »Wissenschaftlichkeit« hingegebenen Wissenschaftler vor unzulässiger Popularisierung, Vereinfachung und dergleichen warnen. Vielleicht bedeutet es aber doch eine Anfrage an das demokratische Selbstverständnis unserer Hochschulen, wenn es eben gerade die Mutterländer der Demokratie sind, in denen man die kompetentesten und verständlichsten Bücher über die für die Öffentlichkeit relevanten Themen findet. Auch in dieser scheinbaren Nebensächlichkeit findet sich also der Zusammenhang zwischen Rhetorik und Demokratie.
Wir müssen an dieser Stelle noch einmal zurück zur politischen Rhetorik. Sie hat in Deutschland gegen den Schatten zu kämpfen, den in Sonderheit der sogenannte »Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda« und sein Wirken darstellt. Es ist richtig, daß sich eine Ethik der Beredsamkeit immer mit diesem eklatantesten Mißbrauch der Redekunst auseinandersetzen muß. Alle diejenigen aber, die daraus ein grundsätzliches Mißtrauen gegen jede Rhetorik herleiten, seien daran erinnert, daß es auch öffentliche Reden waren, die den einzigen meßbaren Erfolg des inneren Widerstandes in Deutschland bewirkten. Die drei berühmten Predigten des Bischofs von Münster, Kardinal Graf von Galen, die von Hand zu Hand abgeschrieben und hektografiert wurden, führten nämlich dazu, daß die Nationalsozialisten ihr sogenanntes Euthanasieprogramm einstellen mußten. Wie alle menschlichen Künste, so ist also auch die Rhetorik sowohl zur Unterdrückung als auch zum Widerstand geeignet. Manchmal genügt eine einzige gelungene Sentenz, um ein ganzes Propagandageflecht der Lüge zu überführen, wie es 1989 die von Leipzig ausgehende Parole »Wir sind das Volk« getan hat. Auch das war, wenn auch in minimalistischer Verkürzung, politische Rhetorik.
Ich komme noch einmal auf die parlamentarischen Reden zurück. Ob in den außergewöhnlichen Situationen, also wenn ohne »Fraktionszwang« debattiert wird und tatsächlich Reden entscheidend sein können, oder ob im normalen parlamentarischen Alltag: Die Redner sprechen nicht nur ins Parlament hinein, sondern vor allem auch aus ihm heraus. Das ist keineswegs eine neuzeitliche Erscheinung. »Fensterreden«, sei es für die breitere Öffentlichkeit oder gar für die Nachwelt, hat es schon immer gegeben. Das ist auch legitim, da das Volk, der eigentliche Souverän, ein Recht darauf hat, die Argumente zu kennen, mit denen seine Vertreter ihre Entscheidungen begründen. Hier fangen dann allerdings die Probleme an.
Es ist heute nicht mehr möglich, über politische Beredsamkeit zu sprechen, ohne zugleich darüber zu reflektieren, daß wir in einer Mediengesellschaft leben. Für die politische Rede bedeutet das zunächst, daß nichts von ihr beim Volk ankommt, wenn sie nicht durch die Medien - und hier vor allem durch das Fernsehen - vermittelt wird. Das ist zwar inzwischen selbstverständlich, hat aber die politische Beredsamkeit auf bedeutsame Weise verändert. Das erste Gesetz des Fernsehens heißt: kurz und schnell. So wird zum Beispiel in der Berichterstattung aus einer halbstündigen Rede ein Ausschnitt von einer halben Minute gezeigt. Während seriöser Journalismus versucht, einen Satz zu finden, der in etwa die Hauptthese der Rede zusammenfaßt, wird das Infotainment geneigt sein, möglichst die Stelle zu finden, an der der Redner den politischen Gegner besonders polemisch abfertigt oder auf andere Weise für Aufregung sorgt. So wird in der Öffentlichkeit der Eindruck immer mehr verstärkt, daß der sogenannte »Schlagabtausch« der einzig verbliebene Sinn der politischen Debatte sei. Die Politiker selbst sind daran sicher nicht schuldlos, aber unter den Bedingungen des Fernsehens und seiner Gesetze ist es selbst dem seriösesten Politiker nicht möglich, Kosten und Nutzen einer Steuerreform zu erläutern, wenn dazu einminütige »sound-bites« ausreichen müssen. Das geht einfach nicht.
In der Kürze liegt aber nicht immer die Würze. In der Eile geht verloren, was für die Beredsamkeit in der Demokratie das wichtigste ist: das ausführliche, verständliche Argument und die Transparenz einer politischen Position. Die Verführung zur mediengemäßen Rhetorik läßt nicht nur die Sprache arm und platt werden. Sie verändert die gesellschaftliche Kommunikation insgesamt, indem sie zum Kurzmonolog verleitet und so zur Verhärtung von »einsilbigen« Positionen. Es wird der verheerende Eindruck er-weckt, politische Projekte ließen sich in ein bis zwei Sätzen zusammenfassen und begründen. Da die Menschen aber sehr genau wissen oder zumindest spüren, wie unübersichtlich und komplex die Fragen der Gegenwart sind, wird solche politische Rhetorik immer weniger glaubwürdig.
Damit sind wir aber endgültig beim springenden Punkt: Glaubwürdigkeit ist das wichtigste Kapital des Redners überhaupt. Das Thema wäre sicher eine eigene Vorlesung wert. Hier nur so viel: Glaubwürdigkeit entsteht durch Wahrhaftigkeit, durch Übereinstimmung von Wort und Tat und durch Sachkompetenz. Nun kann man all das vortäuschen oder bis zu einem gewissen Grad auch ersetzen. Statt eigenen Charakter zu entwickeln, kann man sich ein »Image« erarbeiten lassen. Wahrhaftigkeit läßt sich zur Not vorschwindeln und Kompetenz kann man durch Beherrschung von Jargon und angelernten Floskeln suggerieren.
All diese - keineswegs neuen - Tricks werden aber inzwischen vom Bürger weithin durchschaut. Das Erkennen und Aufdecken von unlauteren Mitteln ist weiter verbreitet, als mancher glaubt. Wer als politischer Redner dennoch tut, als gebe es einfache Lösungen, als gebe es nur eine vernünftige Position in einer bestimmten Frage oder als wären die Versprechen von gestern heute vergessen, der verspielt nicht nur seine eigene Glaubwürdigkeit. Da die Bürger die »politische Klasse« ich gebrauche den Begriff ohne jede Wertung - in gewisser Weise mit dem Staat identifizieren, schadet der Mangel an Glaubwürdigkeit politischer Rhetorik dem demokratischen Gemeinwesen insgesamt. Subjektive Wahrhaftigkeit ist daher die erste und wesentliche Grundforderung der politischen Rhetorik in der Demokratie.
Ich verlange damit nicht den Verzicht auf Witz und Übertreibung, auf polemische Zuspitzung und Schärfe, auf Ironie oder gelegentlichen Sarkasmus. All das schützt uns vor Langeweile, einer oft unterschätzten Feindin der Beredsamkeit. Ich bin aber fest davon überzeugt, daß eine Demokratie ohne Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit der in ihr Redenden ihre eigenen Fundamente verliert. Ich bin ebenso davon Überzeugt, daß der durch Wahrhaftigkeit glaubwürdige Redner auf die Dauer der erfolgreichere ist.
Es ist Ihnen, wie ich hoffe, schon deutlich geworden, daß ich in meinem Begriff von Rhetorik und Beredsamkeit nicht in erster Linie die monologische Rede vor Augen habe, sondern den Dialog in Rede und Gegenrede. Er ist die einzig angemessene Antwort auf die unübersichtlichen und unentschiedenen Fragen der Zeit. Der Dialog ist das Gegenteil des »Machtwortes«, erst recht das Gegenteil des bewaffneten Kampfes, er ist der friedliche Wettstreit der Überzeugungen. Dieser Dialog braucht nicht nur Menschen, die von ihrer Sache für sich selbst überzeugt sind, sondern solche, die eine überzeugende und zustimmungsfähige Sprache sprechen und an die friedensstiftende Macht des Wortes glauben.
Klarheit und Wahrheit auf allen Seiten! Und dann laßt uns streiten. Aber nur so!
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