Dauerbrenner Castingshow

Bild: Nadja Amireh, Lizenz: CC BY-SA

Was ist eine Castingshow überhaupt?

Das Wort Casting kommt aus dem Englischen und meint Rollenverteilung beziehungsweise Besetzung. Castingshows werden auch Talent-Shows genannt. In den Shows präsentieren Bewerberinnen und Bewerber ihr Können oder Aussehen vor der Kamera. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Castingshow werden zuvor in Castings ausgesucht, die in verschiedenen Städten angeboten werden und an denen nicht selten mehrere Tausend junge Menschen teilnehmen. Popstars, Deutschland sucht den Superstar und Germany’s Next Top Model gehören zu den bekanntesten Castingshows in Deutschland.

 

2012 wurden für die neunte Staffel von Deutschland sucht den Superstar (DSDS) in 35 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Castings veranstaltet, an denen 35.401 Bewerber und Bewerberinnen teilnahmen. Nach den Castings präsentieren sich die Kandidaten und Kandidatinnen, die sich qualifiziert haben, in den Livesendungen von DSDS und lassen ihren Gesang, ihren Auftritt und ihr Aussehen von einer Jury beurteilen – 2012 war diese mit Dieter Bohlen, Natalie Horler und Bruce Darnell besetzt. Die Jury entscheidet jedoch nicht darüber, ob ein Kandidat oder eine Kandidatin weiterkommt. Darüber stimmen die Zuschauer und Zuschauerinnen per Telefon ab. Wer die wenigsten Stimmen bekommt, ist bei der nächsten Ausgabe der Sendung nicht mehr dabei. Im Finale der neunten Staffel wurde Luca Hänni mit 52,8 Prozent der Zuschauerstimmen zum Superstar gewählt, so die Berliner Zeitung. [1]

Finanzierung von Castingshows

Da die privaten Sender ohne Rundfunkbeiträge auskommen und sich komplett mit Werbeeinahmen finanzieren müssen, haben sie Formate entwickelt, mit denen sie die für ihre Werbepartner relevante Zielgruppe der 15- bis 49-Jährigen erreichen: Dazu gehören laut einem Bericht der Bundeszentrale für politische Bildung Talkshows am Nachmittag, Gewinnspiele wie der Preis ist heiß und Seifenopern wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten, aber auch Castingshows wie Die Model WG, Fashion & Fame und Germany’s Next Top Model auf Pro Sieben, Das Supertalent und Deutschland sucht den Superstar auf RTL. [2]

 

Werbung findet vor, zwischen und nach Castingshows statt: mit Werbeblöcken, Marken und Produkten, die in den Sendungen selbst genannt werden. „Zudem pflegen die einzelnen ModeratorInnen (oft auch JurorInnen) Werbeverträge mit großen Marken (z.B. Heidi Klum als Werbeträgerin für Kosmetikbranche, Süßigkeiten, Modelabels) und repräsentieren diese in der Öffentlichkeit und in Verbindung mit der Show.“, wie die Autorin Lisa von Hilgers in einer Broschüre des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur erklärt. [3]

 

In Germany’s Next Top Model werden mehr Produkte beworben als in den Werbeblöcken, die die Sendung unterbrechen, wie das Institut für Medienforschung festgestellt hat. [4] Zu den platzierten Produkten gehören laut Handelsblatt „mehrere Modelabel, Evian-Wasser, Mentos-Bonbons [und] Samsonite-Koffer“ [5].

 

Obwohl die Kandidatinnen in Germany’s Next Top Model u.a. immer wieder Evian-Mineralwasser trinken, gehen die Landesmedienanstalten nicht davon aus, dass es sich hierbei um Schleichwerbung, sondern um legales Product Placement handelt. Angemahnt wird jedoch, wie das Handelsblatt schreibt, dass in der Show die Grenzen des Legalen erreicht sind: „Es sei nicht ersichtlich, warum es inhaltlich sinnvoll beziehungsweise gar notwendig sein solle, den angehenden Models fortwährend Evian-Mineralwasser zuzuführen“. [6]

 

Wer genau wie viel an dem Product Placment in Casting Shows verdient, ist nicht bekannt. Doch laut Handelsblatt wird davon ausgegangen, dass Heidi Klum als Produzentin von Germany’s Next Top Model von Mai 2010 bis Mai 2011 „etwa 20 Millionen Dollar verdient“ hat. Lohnend ist Product Placement auch für einzelne Unternehmen: So „hat sich etwa die Bekanntheit des Autos Suzuki Splash als einer der Hauptsponsoren von GNTM in der jungen weiblichen Zielgruppe von 20 bis 35 Jahren innerhalb von drei Monaten […] fast verdoppelt.“ [7]

 

Das Institut für Medienforschung hat festgestellt, dass in Castingshows mehr Produkte platziert werden als in anderen Sendeformaten. Begründet wird dieses Phänomen mit der besonderen Flexibilität von Castingshows: „So lassen sich hier Produktplatzierungen vergleichsweise spontan vornehmen, da die Abstimmung mit Drehbuchautoren, Regisseuren oder Künstlern relativ unaufwändig und die Rücksichtnahme auf Dramaturgie bzw. Handlung kaum nötig ist.“

Redaktionelle Unabhängigkeit von Castingshows

Die Inhalte einer Castingshow dürfen sich laut Rundfunkstaatsvertrag § 7 nicht nach den Produktplatzierungen richten. Nach Untersuchungen des Instituts für Medienforschung haben sich fast alle Produzenten von Castingshows – zumindest bis 2011 – an diese Vorgabe gehalten. In der Casting Show Fashion & Fame wurden die Inhalte jedoch nicht allein von Programmmachern bestimmt, sondern mit dem Sponsor der Sendung abgestimmt. „In der Show kreiert ein etablierter Modedesigner mit Nachwuchsdesignern ein neues Modelabel namens ‚GoldCut‘, wobei die besten Kleidungsstücke exklusiv auf der Homepage www.otto.de verkauft werden. Das Logo des Labels ist in vielen Einstellungen deutlich sichtbar, ebenso der Schriftzug ‚Otto‘ auf diversen Requisiten.“ [8]

 

In einem solchen Fall wird von Branded Entertainment gesprochen, wie das Institut für Medienforschung weiter schreibt: „Der Werbetreibende wird in aller Regel bereits in die Planungs- und Konzeptionsphase der Sendung einbezogen.“ Es kann also nicht mehr nur von Product Placement gesprochen werden. Die Produktion Fashion & Fame ist vielmehr eine Dauerwerbesendung, die entsprechend hätte gekennzeichnet werden müssen. Besonders problematisch ist hier auch das Sponsoring von Otto, denn Sponsoring ist nicht erlaubt, „wenn sich die Sendung inhaltlich mit Produkten oder Dienstleistungen befasst, die der Sponsor selbst anbietet und vertreibt“.

Für den EWG-/GWG-/WZG-Unterricht oder für den Ethik-/Religionsunterricht

Beispielanalyse: In dem Gutachten des Göttinger Instituts für Medienforschung findet sich auf Seite 22 ein Beispiel für verkaufsförderndes – und damit eigentlich nicht erlaubtes – Product Placement. Mit einer eigenen Analyse des Beispiels können Schülerinnen und Schüler für sich klären, wo die Grenzen des Product Placment sind, und diskutieren, ob Product Placement in Castingshows vermieden werden könnte, indem die Marke unkenntlich gemacht oder ausgeblendet wird.

 

Arbeitsmaterial

Gutachten des Instituts für Medienforschung

Wie sind Castingshows ethisch einzuordnen?

Castingshows stehen immer wieder in der Kritik. Ihren Machern wird vorgeworfen, dass sie Menschen öffentlich bloßstellen. Gefordert wird von einigen Pädagogen und Pädagoginnen, junge Menschen vor Castingshows zu schützen: „Die ‚VerliererInnen‘ würden von der Jury vor aller Welt abgekanzelt und müssten zukünftig den Hohn und den Spott ihrer Freunde erleiden.“, meint die Autorin Lisa von Hilgers [9]. Andere halten dagegen, dass auch jungen Menschen nicht jede Konkurrenz- und Prüfungssituation erspart werden könne. Henryk M. Broder schrieb dazu im Spiegel:„So werden Kinder und Jugendliche zur Verfügungsmasse. Dieselben Eltern und dieselben Erzieher, die es versäumt haben, ihnen Lesen und Schreiben beizubringen, sie für das Leben außerhalb von Coffee-Bar und Disko fit zu machen, wollen ihnen negative Erfahrungen ersparen - just in dem Moment, da sich ihnen die Chance bietet, die Nachteile der Erziehung zu überspringen.“ Dass eine Castingshow mehr Verlierer als Gewinner produziere, der Selbstüberschätzung von Kandidaten Vorschub leiste und die Idee der Leistungsgesellschaft auf die Spitze treibe, seien richtige Einwände, so Broder, „aber sie gelten auch für die Bundesjugendspiele, bei denen es ebenso darauf ankommt, besser zu sein als der Rest der Meute.“ [10]

 

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz ist dagegen überzeugt davon, dass Castingshows einen ‚Medien-Darwinismus‘ unterstützen, wie Die Welt schreibt: „Viele junge Leute haben erkannt, dass es alltagspraktisch darauf ankommt, sich in wenigen Minuten zu präsentieren, und dass es dabei um alles geht: Du hast jetzt drei Minuten, Dich der Welt vorzustellen, aber wehe, Du faszinierst uns nicht“. [11] Bolz und andere kritisieren, dass jungen Menschen mit Castingshows suggeriert werde, sie hätten die Möglichkeit, ohne große Probleme schnell berühmt und erfolgreich zu werden. Es käme nur auf die richtige Vermarktung an. Eine Sichtweise, die auch Bewerbungsverfahren auf dem Arbeitsmarkt immer mehr präge, so die Kritiker. Es reicht nicht, für eine Tätigkeit qualifiziert zu sein, sondern Bewerber und Bewerberinnen müssen wie die Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer Castingshow mit ihrem Auftritt überzeugen: „Diesem Gedanken entsprechend ist die Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas der Meinung, dass durch Castingshows ‚die neoliberale Idee der Selbstvermarktung in Szene gesetzt werde und der Mythos des Leistungsgedankens mittels Selektionsriten perpetuiert werde‘. Zudem würden Castingshows ‚eine Zwanghaftigkeit der Selbstinszenierung‘ propagieren. ‚Jede/r ist Experte in eigener Sache, verantwortlich dafür, sein eigenes Humankapital mit maximalem Gewinn und auf eigenes Risiko zu verwalten und zu vermarkten [...]‘“ [12], wie von Hilgers schreibt.

 

Befürchtet wird auch, dass in den Sendungen präsentierte Schönheitsideale die Körperwahrnehmung junger Frauen und Mädchen verzerren. „Model-Castingshows werden immer wieder kritisiert, da viele BeobachterInnen der Meinung sind, dass TV-Formate wie Germany's Next Topmodel bzw. Austria's Next Topmodel junge Mädchen zur Magersucht verleiten. Zwar sagt Jury-Mitglied Andrea Weidler (bei der Präsentation der Sendung Austria's Next Topmodel): ‚Wir suchen gute Körper, keine verhungerten Klappergestalten.‘ Tatsache ist jedoch, dass die körperlichen formalen Anforderungen 1,72 Meter Mindestgröße und ein Hüftumfang von höchstens 92 Zentimeter sind, wobei ‚noch besser knabenhafte 89 bis 90 Zentimeter‘ sind.“, wie Die Presse berichtet. [13]

Für den Ethik-/Religionsunterricht

Umfrage zum Thema Castingshows: Kontaktieren Sie die für die Castings in den einzelnen Städten Verantwortlichen und fragen Sie, ob Ihre Schüler und Schülerinnen mit Aufnahmegeräten ausgestattet bei den Castings, die vor den Live-Shows in Ihrer Nähe stattfinden, Teilnehmer und Teilnehmerinnen befragen dürfen. Die gesammelten Umfrageergebnisse lassen sich dann im Unterricht diskutieren und auswerten.

Mögliche Fragen: Warum nimmst du an dem Casting teil? Was wirst du bei dem Casting vorführen? Wie hast du dich auf das Casting vorbereitet? Was ist dir bei deinem Auftritt wichtig?

Möglich sind natürlich auch Umfragen auf der Straße, um herauszufinden, warum Castingshows von so vielen Menschen angeguckt werden.

 

Arbeitsmaterialien zur Vorbereitung der Umfragen

Die Welt: Warum Casting-Shows so erfolgreich sind

Standard: Heidi Klum und die „Unterwerfung unters Patriarchat“

Für den Ethik-/Religionsunterricht

Analyse: Zeichnen Sie eine aktuelle Folge von Germany’s Next Top Model auf, und lassen Sie die Schüler und Schülerinnen analysieren, welche Produkte in den Werbeblöcken vor, zwischen und nach der Sendung beworben werden, um dann gemeinsam herauszufinden, wie diese Produkte mit den Inhalten der Sendung verknüpft sind.

Arbeitsmaterialien

Die Welt: Warum Casting-Shows so erfolgreich sind

Horizont.net: Topmodel-Panne – Pro Sieben löst Casting für Sponsor Opel zu früh auf

Marketingfish.de: Wie Opel von „Germany's next Topmodel“ profitiert

filmabc.at: Unterrichtsbroschüre „Castingshows“

Quellen

[1] Wick: Klaudia: Luca Hänni neuer „Superstar“. Berliner Zeitung, 29.04.2012. [29.11.2013] [zurück]

[2] Wilke, Jürgen: Die zweite Säule des „dualen Systems“: Privater Rundfunk. Bundeszentrale für politische Bildung, 17.02.2009. [12.12.2013] [zurück]

[3] Lisa von Hilgers: Castingshows. Begleitendes Unterrichtsmaterial für Lehrerinnen und Lehrer. filmABC – Institut für angewandte Medienbildung und Filmvermittlung, 2009. [10.01.2014] [zurück]

[4] Institut für Medienforschung IMGÖ: Die Regelungen zur Produktplatzierung im Rundfunkstaatsvertrag und in den Gemeinsamen Werberichtlinien der Landesmedienanstalten und ihre Umsetzung im TV. Eine Bestandsaufnahme und erste Einordnung. Göttingen und Köln 2011. [10.01.2014] [zurück]

[5] Handelsblatt vom 14.06.2011: Werbebotschaften im Fernsehen. Wie Heidi Klum Germany's most Schleichwerbung macht. [10.01.2014] [zurück]

[6] Handelsblatt vom 25.09.2011: Klums Geschäftsmodell. Rebecca darf aufs Cosmopolitan-Cover. [10.01.2014] [zurück]

[7] Handelsblatt vom 25.09.2011: Klums Geschäftsmodell. Rebecca darf aufs Cosmopolitan-Cover. [10.01.2014] [zurück]

[8] Institut für Medienforschung IMGÖ: Die Regelungen zur Produktplatzierung im Rundfunkstaatsvertrag und in den Gemeinsamen Werberichtlinien der Landesmedienanstalten und ihre Umsetzung im TV. Eine Bestandsaufnahme und erste Einordnung. Göttingen und Köln 2011. [10.01.2014] [zurück]

[9] Hilgers, Lisa von: Castingshows. Begleitendes Unterrichtsmaterial für Lehrerinnen und Lehrer. filmABC – Institut für angewandte Medienbildung und Filmvermittlung, 2009. [10.01.2014] [zurück]

[10] Henryk M. Broder: Casting-Shows: Früher im Fußballverein - heute bei Bohlen. Spiegel Online, 13.04.2008. [10.01.2014][zurück]

[11] Wilfried Urbe: Traum vom Aufstieg. Warum Casting-Shows so erfolgreich sind. Die Welt, 04.03.08. [10.01.2014] [zurück]

[12] Lisa von Hilgers: Castingshows. Begleitendes Unterrichtsmaterial für Lehrerinnen und Lehrer. filmABC – Institut für angewandte Medienbildung und Filmvermittlung, 2009. [10.01.2014] [zurück]

[13] DiePresse.com vom 01.12.2008: Puls 4 sucht nach Österreichs „Next Topmodel“.  [10.01.2014] [zurück]

Pädagogische Praxis

Workshop: Inszenierte Wirklichkeit / Reality-TV

Workshop des LMZ zur inszenierten Wirklichkeit in Realitysoaps, Castingshows, Gerichtsshows und Coachingshows, bei dem kurze Filme und Rollenspiele eingesetzt werden, um die Produktionsabläufe hinter den Reality-TV-Sendungen verständlich zu machen weiterlesen

Unterrichtsmodul: Lügenfernsehen?

Katholische Religionslehre, Schuljahr 1, Berufsschule: Thema ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen, seinem Wahrheitsgehalt und seinen Auswirkungen auf die Beteiligten. Eigene Tonaufnahmen werden angefertigt unter Beachtung selbst gesetzter ethischer Regeln.weiterlesen

Unterrichtsmodul: Talkshow im Klassenzimmer

Deutsch, Klasse 8, GY/RS/WRS: Im Verlauf dieses Moduls wird eine Talkshow vorbereitet, aufgeführt, gefilmt und anschließend analysiert. Zuvor werden Diskussionsregeln aufgestellt und einfaches Argumentieren geübt.weiterlesen

Weitere Anregungen für die pädagogische Praxis