Bernd Schorb: Aktive Medienarbeit

Aktive Medienarbeit

Aktive Medienarbeit ist ein Fachbegriff, der eine gebräuchliche Methode der Medienpädagogik bezeichnet. Bereits in den 1960er-Jahren forderte beispielsweise Hans Chresta „aktive Filmarbeit“ [1], um die filmischen Gestaltungs- und Manipulationsmöglichkeiten kennenzulernen. Heute beschäftigt sich die aktive Medienarbeit mit allen Medien, also Radio und Musik, Video, Film, Kunst, Zeitung sowie Internet, Computer und Handy. In Grundbegriffe Medienpädagogik [2] von Bernd Schorb und Jürgen Hüther wird der Begriff der aktiven Medienarbeit folgendermaßen definiert:

„Sie [die aktive Medienarbeit] bedeutet die Be- und Erarbeitung von Gegenstandsbereichen sozialer Realität mit Hilfe von Medien wie Druck, Foto, Ton, Video, Computer, Multimedia und Internet. Die Medien werden von ihren Nutzern ‚in Dienst genommen‘, d.h. selbsttätig gehandhabt und als Mittel der Kommunikation gebraucht.“ [3].

 

Aktive Medienarbeit legt nahe, dass es dabei um ein „zielgerichtetes aktives Handeln“ [4] zum Beispiel von Jugendlichen geht, das auf die Erstellung eines medialen Produkts hinausläuft. Dieses Medienhandeln wird im Unterschied zum Medienkonsum als aktiv beschrieben.

 

Aktive Medienarbeit wird zwar oft mit offener Jugendarbeit assoziiert, kann jedoch ebenso in Schulen und in der Vorschulerziehung angesiedelt werden, die institutionelle Anbindung ist nicht relevant. Wesentlich für die aktive Medienarbeit sind vielmehr methodische Vorgehensweisen wie Gruppenarbeit, handelndes Lernen etc.

Handelndes Lernen

Der Begriff des handelnden Lernens ist für die aktive Medienarbeit zentral, in dem Sinne, dass Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten arrangiert werden. Handelndes Lernen, als ein Prinzip der Pädagogik, entstand als reformpädagogische Idee und wurde erstmals von John Dewey (1859–1952) als „learning by doing“ begrifflich gefasst. Grundgedanke hierbei ist der Erwerb von theoretischem und praktischem Wissen im Prozess der tätigen Aneignung eines Gegenstandsbereichs. Die Vertreter dieses Lernarrangements erhoffen sich zahlreiche positive Effekte. In Anlehnung an Bernd Schorb hier einige Beispiele:

  • Eigeninitiative und Selbstbewusstsein anhand ganzheitlicher Aufgaben in Eigenregie fördern, zur Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen ermuntern (Dewey).
  • Aufhebung der Trennung zwischen „Hand- und Kopfarbeit“ zugunsten eines umfassenderen Verständnisses von gesellschaftlicher Wirklichkeit und Veränderbarkeit derselben (Anton Semjonowitsch Makarenko, 1888–1939).
  • Über die Beschäftigung mit einem konkreten Problem und dem handelnden Umgang mit demselben zu einer „Bewusstseinsbildung“ zu gelangen, wodurch ein Potenzial zur Änderung sozialer Realität bewusst und die Änderung bewältigbar wird (Paulo Freire, 1921–1997).

Schorb hebt als Charakteristika handelnden Lernens eine Herausbildung der Persönlichkeitseigenschaften Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Selbständigkeit hervor:

 

„Handelndes Lernen ist in dem Sinne dialektisches Lernen, als es den Prozeß der Aneignung eines Gegenstandsbereichs immer schon verknüpft mit der Veränderung desselben, gerichtet auf eine Auseinandersetzung mit und Weiterentwicklung der umgebenden Realität.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfahren, gerade indem sie Medien gestalten, im engeren Sinne etwas über diese. Beispielsweise wird erfahrbar, dass unterschiedliche Medienträger mit unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten ausgestattet sind. Sie müssen sich in der Gruppe mit Produktionsabläufen beschäftigen, Ausdauer zeigen, wenn die Technik nicht funktioniert und müssen das Zusammenspiel verschiedener „Zulieferer“ untereinander regeln.

Medienkompetenz durch Eigenproduktion

Ziel aktiver Medienarbeit ist also auch, durch die Erfahrung eigener Produktion urteilsfähiger und kritischer für Fremdproduktionen zu werden. In diesem Sinne sollen manipulative Tendenzen der Massenmedien durchschaut werden und insgesamt ein reflektierter Umgang mit denselben erreicht werden (vgl. Schell 1990). Fred Schell sieht die aktive Medienarbeit der emanzipatorischen Pädagogik verpflichtet:

 

„Im Vordergrund dieser pädagogischen Position steht das Individuum als gesellschaftliches Subjekt, das nicht durch vorgegebene Verhältnisse determiniert ist, sondern grundsätzlich eigene gesellschaftliche Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit besitzt. Primäre Aufgabe pädagogischen Handelns ist es demnach, Reflexion und Veränderung gesellschaftlicher Zustände zu ermöglichen.“ [5]

 

Trotz des einheitlich gebräuchlichen Fachausdrucks, sind in der Literatur einige begriffliche Abwandlungen vorzufinden: Mit dem Begriff der kreativen Medienarbeit (Baacke 1992), der im Sinne der aktiven Medienarbeit gebraucht wird, soll besonders akzentuiert werden, dass Jugendliche nicht nur „von Objekten zu Subjekten der Berichterstattung“ werden, sondern auch als Subjekte die „ästhetische Weltgestaltung“ beeinflussen. [6]

Quellen

[1] Filmerziehung in Schule und Jugendgruppe, Solothurn 1963. [zurück]

[2] Hüther, Jürgen / Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2005. [zurück]

[3] Schell, Fred: Aktive Medienarbeit. In: Hüther, Jürgen / Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2005, S. 9. [zurück]

[4] Palme, Hans-Jürgen (1991). [zurück]

[5] Schell, Fred: Aktive Medienarbeit. In: Hüther, Jürgen / Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2005, S. 11. [zurück]

[6] Baacke, Dieter: Jugendforschung und Medienpädagogik – Tendenzen, Diskussionsgesichtspunkte und Positionen. In: Hiegemann, Susanne / Swoboda, Wolfgang H. (Hrsg.): Handbuch der Medienpädagogik. Opladen 1994, S. 53. [zurück]

Links

Bernd Schorb

Informationen über Bernd Schorb auf der Website des Netzwerks Medienkompetenz Sachsen-Anhalt.

 

Wikipedia: Bernd Schorb

Ein einführender Artikel über Bernd Schorb mit weiterführenden Links.

 

Neue Medien für Alte Hasen: Apathie oder Euphorie?

Interview mit Bernd Schorb auf der 2. Netzwerktagung Medienkompetenz Sachsen-Anhalt am 25. September 2013.

Literatur

Schorb, Bernd/Hüther, Jürgen: Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2005.

Schorb, Bernd/Hüther, Jürgen: Medienpädagogik. München 2005.

Schorb, Bernd/Karkar, Steffi: Medienpädagogik: Das Studium und seine beruflichen Konsequenzen. München 2003.

Schorb, Bernd: Rosige Zeiten für neugierige Kinder: Die neue Mediengeneration. München 2001.

Schorb, Bernd: „Vierzig Jahre Medienpädagogik“ bedeutet vierzig Jahre. München 1999.

Texte