Atem- und Sprechtechnik

Speakers' Corner, Hyde Park in London; Bild: ed_needs_a_bicycle, Lizenz: CC BY-NC-SA

Die Bedeutung der richtigen Atmung beim Vortrag einer Rede wird oft übersehen und ist doch von entscheidender Bedeutung für den Erfolg bei der Präsentation. Ob eine Rednerin oder ein Redner beim Publikum ankommt, liegt in ganz erheblichem Umfang an der Schulung der Atem- und Stimmtechnik. Ein bereitgestelltes Mikrofon täuscht nur allzu leicht über die Ausstrahlungskraft der eigenen Stimme. Hier finden Sie Hinweise und Übungen, wie die Ausstrahlungskraft der Stimme geschult werden kann.

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt. [...]

Johann Wolfgang von Goethe

Zwerchfell- kontra Brustatmung

Bild: Karla Lopez, Lizenz: CC BY-NC-SA

Es sagt sich so leicht: Bevorzugen Sie Zwerchfellatmung! Anders als bei der reinen Brustatmung können Sie ohne große Kraftanstrengung Ihr Stimmvolumen erheblich steigern und ohne Atemnot Pausen setzen. (Tibetanische Mönche können da ein Vorbild sein.) Versuchen Sie zumindest bei den folgenden Sprechübungen, alle Wörter zum Klingen zu bringen. Das heißt, schneiden Sie die Wortenden nicht ab, verkürzen Sie nicht das natürliche Volumen und die Sprechzeit der Wörter. Geben Sie den Wörtern ein tendenziell unverwechselbares „akustisches Gesicht“.

 

Lassen Sie die Wörter vollvolumig ausklingen und -schwingen. Setzen Sie dabei auch deutlich die Endkonsonanten wie das „t“ in „Wind“ und genießen Sie die anlautenden Stabreime. Und noch ein kleiner Hinweis: Die Person, die Persönlichkeit, steht mit dem lateinischen Wort per sonare („hindurchklingen“) in Verbindung. Darauf macht jedenfalls das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm aufmerksam.

 

Eine geeignete Sprechübung ist:

Weiche wehendem Wind

auf Wiesenwegen.

Weiche wehendem Wind (MP3)

Alexander Graham Bell (dargestellt von einem Schauspieler) spricht in ein Telefon.

Nehmen Sie ein beliebiges Telefonbuch und sprechen Sie etwa zehn Einträge mit vollständigem Namen, Adresse und Telefonnummer präzise aus. Versuchen Sie bei jedem Eintrag, sich eine Person vorzustellen, die Ihnen sympathisch ist. Unterlegen Sie auch die Straßennamen mit einem Subtext. Das heißt: Machen Sie stimmlich aus der Uhlandstraße eine Straße, die Ihnen angenehm in Erinnerung ist. Die Ziffern sprechen Sie bitte präzise ohne Überartikulation aus. Sie werden sehen, dass der Zuhörer Ihrer Ansage gerne und mit Interesse folgt. Sie haben einer scheinbaren Nebensächlichkeit stimmlich die notwendige Bedeutung verliehen.

 

Sprechübung:

 

Andrea Haag In den Bronnäcker 25

Telefonnummer: 23 46 12

Walther Haas Siemensstraße 214

Telefonnummer: 88 56 14

Manfred Häffler Hartmann-von-Aue-Weg 56

Telefonnumer: 10 78 24 19

Theresia Hapatzky Am Dornbusch 55

Telefonnummer: 49 34 56 12

Horst von Hardenberg Heilbronnerstraße 234

Telefonnummer: 0179 34 56 167

Telefonbucheinträge (MP3)

Präzise Artikulation

Artikulieren Sie präzise und dental. Durch eine präzise und konsonantische Artikulation geben Sie den Worten und Wörtern Form und Gestalt. Ihre Aussprache wird durch die Betonung der Konsonanten präziser und verständlicher. Durch konsonantisches und dentales Sprechen (durch Hilfe der Zähne geformte Laute) konturieren Sie ihre Aussprache. Beispiel für solches Sprechverhalten sind Lehrerinnen und Lehrer, Nachrichtensprecher, Schauspieler und Kabarettisten. Das Gegenteil dieses auch pointierten Sprechansatzes ist das vornehmlich vokalische Gebrabbel von Kleinkindern. Sie können die Welt noch nicht erfassen und müssen sich zunächst mit unbestimmten Lautungen begnügen.

 

Als kleine Sprechübung, die stark konsonantisch ausgerichtet ist, können Sie sich an folgendem Sprüchlein üben:

Mit Kisten und Kasten,

ohne zu rasten,

hasten die Reste der Gäste

durch die Wüste zur Küste.

Mit Kisten und Kasten (MP3)

Erst mit dem klangvollen Wechselspiel von Vokalen und Konsonanten entsteht Verständlichkeit und zugleich Musikalität des gesprochenen Wortes. Achten Sie auf die hörbare Artikulation der Endsilben, ohne dabei überzuartikulieren. Wir verschlucken gerne, wie die Beispiele „Gutnabend“ oder „Nachrichtnsprecher“ lehren. Aber wie wäre es mit einer „r“-Übung? Rollen Sie möglichst das „r“ im vorderen Mundbereich. Achten Sie auch auf die unterschiedliche Längenbetonung bei „Wüste“ und „Küste“:

 

Sprechübung:

Roland der Riese,

am Rathaus zu Bremen,

steht er ein Standbild,

tapfer und treu.

Roland der Riese (MP3)

Erst mit dem klangvollen Wechselspiel von Vokalen und Konsonanten entsteht Verständlichkeit und zugleich Musikalität des gesprochenen Worts. Achten Sie auf die hörbare Artikulation der Endsilben, ohne dabei überzuartikulieren. Wir verschlucken gerne, wie das Beispiel „Gutnabend“ oder „Nachrichtnsprecher“ lehrt.

Wenn Sie zunächst das Gefühl haben, unerträglich überbetont zu sprechen, dann sind Sie wahrscheinlich auf dem richtigen artikulatorischen Weg. Glätten und abmildern lässt es sich allemal. Wichtig ist, dass Sie sich sprecherisch das Gefühl für präzises und artikuliertes Sprechen erarbeiten.

 

Sprechübung:

Ganz kurze, krumme Christbäume kann man kaufen.

Komm kurzer, kräftiger Kerl!

Herr König, dort fliegt ein Kranich!

Ganz kurze, krumme Christbäume (MP3)

Und Schwaben mögen’s vielleicht so: Dapp dort dui dier durch!

Konsonantisches Sprechen

Bild: ChasM3, Lizenz: CC BY-NC

Sprechen Sie konsonantisch. Das konsonantische Sprechen korreliert mit der präzisen und dentalen Artikulation. Die Konsonanten verleihen Ihrer Sprache Gestalt und Gestaltung und fungieren gleichsam als die akustischen Verstrebungen, die die Worte eingrenzen und abgrenzen. Dabei grenzen die Konsonanten vor allem die sich weiten wollenden Vokale ein und sorgen damit für einen definitiven Klang.

Im Internet haben wir eine Telefonaufzeichnung entdeckt, die nicht nur witzig ist, sondern auch ein defizitäres Sprechen in verschiedener Hinsicht offenbart. Benennen Sie einige artikulatorische Fehler, die zu verbessern sind, um Präzision und Verständlichkeit zu erhöhen.

 

Hörbeispiel:

Vokale

Geben Sie den Vokalen das nötige Volumen. Mit volltönenden Vokalen lassen sich nicht nur Gedichte und kluge Sätze schön und dabei verständlich aussprechen, Vokale geben dem Wort selbst ein „akustisches Gesicht“, das sich dem Hörer sinnlich einprägen kann. Wer Vokale und Umlaut zum Klingen bringt, trägt zur Kommunikation insofern entscheidend bei, als er wesentlich besser verstanden wird. Sprechen Sie die folgenden vokalisch geprägten Wörter volltönend aus und achten Sie dabei darauf, dass der Klangraum nicht abbricht. Bemessen Sie die Sprechstrecke nach Ihrem Atemvolumen, das ausreichend sein soll.

Sprechübung:

Mondlandschaft

Baum

Baumrinde

Wacholderbusch

Mondlandschaft (MP3)

Eine Geläufigkeitsübung, ganz ohne Sinn und doch sinnvoll, schult Ihre Sprechwerkzeuge:

Lalle Lieder lieblich

lipplicher Laffe,

lappiger, lumpiger, laichiger

Lurch!

Lalle Lieder lieblich (MP3)

Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) berühmtes Gedicht Ein Gleiches (1780/1815) ist ein eindrückliches Beispiel für die Verwendung einer vokalreichen Sprache:

Ein Gleiches

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest Du

Kaum einen Hauch:

Die Vöglein

Schweigen im Walde.

Warte nur! Balde

Ruhest Du auch.

Ein Gleiches (MP3)

Spannungsbögen

Schaffen Sie Spannungsbögen. Für den Sprecher oder die Sprecherin ist es besonders wichtig, dass diese beim Sprechen gedanklich dem gesprochenen Wort immer voraus sind. Durch dieses Antizipieren des noch zu sprechenden Wortes oder Gedankens entsteht Spannung, die den Zuhörerin oder Zuhörer „am Ball“ bleiben lässt. Dieses Vorausdenken teilt sich dem Publikum unmittelbar mit und weckt sein Interesse am Vortrag und dem Redner.

 

Heinrich von Kleists (1777–1811) Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege (erschienen 1810–1811 in den Berliner Abendblättern – ein Text, der es beim Vortrag dem Lesenden gewiss nicht leicht macht) eignet sich in besonderer Weise, um mit Spannungsbögen zu arbeiten.

 

Hier der erste Satz aus der Anekdote:

„In einem bei Jena liegenden Dorf, erzählte mir, auf einer Reise nach Frankfurt, der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten, umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Reiter darin gezeigt hätte; und versicherte mir, dass wenn alle Soldaten, die an diesem Tage mitgefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hätten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreimal stärker gewesen, als sie in der Tat waren.“

Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege (MP3)

Pausen

Schaffen Sie Pausen. Die Pause als bewusst eingesetztes Gestaltungsmittel beim Sprechen wird leider oft vernachlässigt oder in ihrer Bedeutung unterschätzt. Dabei zeigt sich gerade in einer gezielt eingesetzten Pausendramaturgie die Souveränität des Sprechers oder der Sprecherin. Die klug gewählte Pause wirkt immer Spannung steigernd, erzeugt Aufmerksamkeit und Interesse beim Zuhörer. Als Beispiel ein Ausschnitt aus dem Roman Fahrstuhl zum Schafott von Noël Calef:

„Jählings und gleichzeitig flammten die Straßenlaternen auf. Aber es war noch hell, und ihr Schein verlor sich in dem feuchten Schimmer des regennassen Asphalts. Vor den großen Kaufhäusern drängten sich die Leute. Die Schaufenster waren dicht umringt. Jeder wollte sich den Samstagnachmittag zunutze machen, und viele fuhren übers Wochenende aufs Land.

In den Büros aber wurde gearbeitet. Hier und dort brannte Licht in den Fenstern der Geschäftshäuser. So auch in mehreren Etagen des Uma-Standard-Gebäudes, das sich in schreiend modernistischem Stil am Boulevard Haussmann erhebt.

Hinter geöffneten Fensterflügeln saßen ein Mann und eine Frau einander gegenüber. Er in seinem Sessel hinter einem Stahlschreibtisch - während sie, den Stenogrammblock auf den Knien, auf die Fortsetzung des Diktats wartete. Ungeduldig.

Der Mann saß mit halbgeöffnetem Mund da. In Gedanken versunken, versuchte er sich die Zukunft auszumalen und einen Hoffnungsschimmer zu entdecken. Die Sekretärin, die keinen Meter von ihm entfernt war, hatte er ganz vergessen.

Mechanisch sah er nach der Uhr. Zum zehntenmal, dachte die Sekretärin. Er gefällt mir ganz und gar nicht - mit dieser schlappen Falte am Mundwinkel... Plötzlich glaubte sie, die Wahrheit erraten zu haben: Verliebt ist er!“

Fahrstuhl zum Schafott (MP3)

Tipps von Goethe

Was es mit dem Atmen, genauer: dem Ein- und Austamen, auf sich hat, das hat Goethe sehr treffend formuliert. Wer das Prinzip von Spannung und Entspannung beherzigt und zur Grundlage seines Sprechens macht, hat wesentliche Grundlagen der Sprecherziehung gelegt:

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Porträt Goethes in der Campagna, Rom 1787.

„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden,

Die Luft einholen, sich ihrer entladen.

Jenes bedrängt, dieses erfrischt.

So wunderbar ist das Leben gemischt.

Drum danke Gott, wenn er dich preßt,

Und danke ihm, wenn er dich wieder entläßt!“

Im Atemholen (MP3)

„Schwäbisch“

Konrad Balder Schäuffelen (1929–2012) hat ein wunderbar lautmalendes Gedicht geschrieben, das zu einer geografischen Lautreise im Süden der Republik einlädt:

Schwäbisch

ulmrum

nach mencha nei

nach seflenga naus

nach schtugert nontr

ens allgai nauf

diller nauf

nach neiulm nom

ens boirische niber

nach elchenga na

dona na

Schwäbisch (MP3)

Literatur

Altmann, Hans Christian: Die hohe Kunst der Überzeugung. 100 Tipps für mitreißende Rhetorik, effektivere Kommunikation und erfolgreiche Verhandlungen. Landsberg/Lech 1999.

 

Berthold, Siegwart: Reden lernen im Deutschunterricht. Übungen für die Sekundarstufe I und II. Essen 1997.

 

Birkenbihl, Vera F.: Rhetorik. Redetraining für jeden Anlass. Berlin 1997.

 

Ebeling, Peter: Rhetorikhandbuch. Frei reden, sicher vortragen. Stuttgart 1998.

 

Endres, Wolfgang u.a.: Mündlich gut. Rhetorik-Tipps für Schülerinnen und Schüler. 5. bis 10. Klasse. Weinheim 2009.

 

Endres, Wolfgang / Küffner, Moritz: Rhetorik und Präsentation in der Sek.II, mit DVD. Das Know-how für Lehrer/innen und Schüler/innen. Weinheim 2008.

 

Fiukowski, Heinz: Sprecherzieherisches Elementarbuch. Tübingen 2004.

 

Gora, Stephan: Praktische Rhetorik. Rede- und Gesprächstechniken in der Schule. Seelze-Velber 2010.

 

Haberkorn, Kurt: 88 Tips für erfolgreiche Redner. Rhetorik einmal anders. Renningen 2001.

 

Hägg, Göran: Überreden – Überzeugen – Gewinnen. 30 kleine Lektionen in moderner Rhetorik. München 2004.

 

Kinskofer, Lieselotte / Zander, Willi: Die wirkungsvolle Rede und Präsentation. München 2000.

 

Knape, Joachim (Hrsg.): Medienrhetorik. Tübingen 2005.

 

MediaCulture-Online: Bibliografie Rhetorik. Stuttgart 2007.

 

Neumann, Almut / Dittmar, Katja Anne: Wirksam vortragen. Ilmenau 2006.

 

Pabst-Weinschenk, Marita: Die Sprechwerkstatt. Sprech- und Stimmbildung in der Schule. Braunschweig 2000.

 

Pabst-Weinschenk, Marita: Freies Sprechen in der Grundschule. Grundlagen. Praktische Übungen. Berlin 2005.

 

Pink, Ruth: Souveräne Gesprächsführung und Moderation. Kritikgespräche – Mitarbeiter-Coaching – Konfliktlösungen – Meetings – Präsentationen. Frankfurt/New York 2002.

 

Ueding, Gert: Moderne Rhetorik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. München 2000.